Regimechange der Herzen | nikolaushueck blog

Regimechange der Herzen

Predigt im Ostergottesdienst am 5. April 2026 zu 1. Kor 15,19-28 in der Barfüßerkirche Augsburg

Eintrag vom

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung:
als Erstling Christus;
danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;
danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat«
Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan«.
Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

Er ist wahrhaftig auferstanden!
Oder, wie wir gerade von dem Engel aus dem Markus-Evangelium gehört haben:
Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten.
Er ist auferstanden, er ist nicht hier.

Die drei Jüngerinnen reagieren so ganz anders, als man es erwarten könnte.
Sie waren die einzigen, die den Mut hatten, zum Grab zu gehen.
Und jetzt sagt der Engel: Er ist auferstanden.
Wie reagieren sie?
Nicht mit Jubel. Nicht mal mit Freude oder auch nur Erleichterung.
Sondern mit Zittern und Entsetzen.

Warum?
Ich glaube, die drei Frauen ahnen, dass hier etwas Unglaubliches passiert ist.
Etwas, das die Welt verändert.
Es ist nicht nur das Grab leer.
Es ist etwas passiert, das die ganze Welt erschüttert.
Etwas, das so ganz anders ist als alles, was sie sich bisher vorstellen konnten.

An diesem Morgen ist das noch viel zu frisch.
Noch spüren die drei es eher als dass sie es sagen könnten.

Dürfen sie glauben, was sie da eben gehört haben?
Und was soll das überhaupt heißen: Er ist auferstanden, er ist nicht hier?
Noch macht ihnen das Angst.
Deswegen sprechen sie für's Erste mit niemandem darüber.
Denn noch fehlen ihnen die Worte.

Einer, dem es niemals an Worten zu fehlen scheint, ist Paulus.
Als er an die Korinther schreibt, da sind schon gut 20 Jahre seit jenem Ostermorgen vergangen.
Und Paulus findet Worte für das, was die Frauen am Grab damals nur spüren konnten.
Ja, die Frauen hatten recht mit ihrem Gefühl:
Es ist wirklich etwas passiert, sagt er,
etwas, das die ganze Welt verändert.

Denn Christus war nur der erste.
Das, was wir uns von ihm erzählen - dass er auferstanden ist - das wird mit uns allen geschehen.
Auch wir werden auferstehen.
Wir, die wir an ihn glauben.
Und schließlich alle - alle Menschen, die Gott geschaffen hat.

Wenn ihr nur glaubt, dass Gott mit der Auferweckung Jesu halt irgendwie seinen Sohn aus dieser miesen Welt gerettet hat.
Dann liegt ihr völlig falsch.
Gott hat nicht Jesus auferstehen lassen, so wie man gestrandete Touristen in der Krise aus Urlaubsregionen ausfliegt.
Er will die Krisenregion insgesamt verändern, unsere ganze Welt mit all ihrer Boshaftigkeit. Die will er verändern.
Gott strebt sozusagen einen Regimechange für unsere Welt an.
Aber in friedlich und ganz ohne Waffen.
Einen Regimechange der Herzen, wenn man so will.

Die christliche Tugend ist vor allem eins: darauf zu hoffen.
Das Herz für diesen Herrschaftswechsel bereit zu machen.

Die Hoffnung für Euch selbst, für Eure Verstorbenen, für die ganze Welt - das ist das, was Euch zu Christen macht.

Denn diese Welt wird nicht für immer so bleiben, wie ihr sie kennt, sagt Paulus.
Sondern Gott wird sie verwandeln.
Zum Guten. Zum Besten.
Und zwar endgültig.

Die Herrschaft von Menschen über Menschen wird enden.
Die Gewalt, die Menschen sich gegenseitig antun, wird endlich, endlich! aufhören.
Die Unterscheidung zwischen oben und unten,
zwischen mächtig und ohnmächtig,
zwischen "wir hier" und "die dort" -
diese Unterscheidung wird es nicht mehr geben.
Denn Gott herrscht dann und er wird sein alles in allem.
Das ist der wahre Glaube von Ostern, schreibt Paulus nach Korinth.

Und wir heute?
Es sind weitere zweitausend Jahre vergangen seit diesem Ostermorgen.
Und wenn wir ehrlich sind: So arg viel hat sich seitdem nicht verändert. Macht und Gewalt gibt es noch immer.

Gott hat an Ostern leider nicht die äußere, die sichtbare Welt verändert.
Er hat nicht die Macht der Menschen beendet und nicht die Ungerechtigkeit.
Er hat niemandem das Schwert aus der Hand geschlagen
und auch nicht die Drohne oder die Rakete.
Obwohl wir uns das so sehr wünschen.
Die Mächtigen führen sich immer verrückter auf - den Eindruck kann man bekommen.

Hat sich heute das also alles erledigt mit diesem Osterglauben?
Hat die Zeit Paulus widerlegt?

Ich stelle die Frage ganz ernsthaft:
Was machen wir heute mit dieser übergroßen Hoffnung, die wir von Paulus hören?
Und was machen wir damit, dass sich bisher nicht wirklich etwas davon bewahrheitet hat?
Ich spüre, wie gespalten ich selbst dabei bin.
Manchmal dauert mir dieses Warten zu lange.
Ich richte ich mich einfach ein in der Welt, wie wie wir sie kennen.
Ich bin unzufrieden, oder ängstlich oder wütend.
Aber ich habe halt gelernt, das Spiel mitzuspielen.
Letztlich glaube ich dann doch nicht wirklich daran, dass sich viel ändern wird.
Und irgendwie ist es mir dann auch egal, solange die Welt nicht in meine Wohnung einbricht.
Vielleicht kennen Sie solche Gedanken auch.

Aber gleichzeitig will ich mehr:
Ich versuche, irgendwie ein guter Menschen zu sein.
Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeiten,
aber ich merke, dass auch ich selbst nicht so ganz frei bin von Ungerechtigkeit.
Ich beklage die Gewalt und die Macht und die Not der Schwächeren,
aber ich merke, dass ich eben auch ein Rädchen in diesem Spiel bin.
Und die ganze Zeit spüre ich, wie schwer es eigentlich wäre, ein wirklich guter Mensch zu sein.
Woher soll die Kraft kommen?, frage ich mich.
Woher die Energie mitten in dieser lähmenden alten Weltordnung?

Ein guter Mensch sein wollen - das ist schon eine ganze Menge.
Aber reicht das schon?
Ist das schon christlicher Glaube?
Ein guter Mensch sein wollen -
und ansonsten das kleine Glück in einer Welt voller Ungerechtigkeit suchen?

Nein. Ich will nicht, dass mir das reicht.
Und Paulus will das ganz offenbar auch nicht.

Da, schaut genau hin, sagt er:
An Ostern, in der Nacht auf den Ostermorgen,
da hat Gott schon einmal die quälende Ordnung dieser Welt durchbrochen.
Da hat er seinen Sohn auferweckt.

Den, der es ganz anders machen wollte als die Welt um ihn herum,
der so radikal von Liebe gesprochen hat wie kein anderer.
Der sein ganzes Leben lang geliebt hat.
Geliebt bis zu seinem Tod am Kreuz.
Genau den hat Gott auferweckt.

Und genau damit hat er sie durchbrochen, die ewige Ordnung der menschlichen Welt.
Durchbrochen nur an einem einzigen Punkt bisher.
Aber sichtbar für alle, die es sehen und glauben wollen.

Das ist das Eigentliche an Ostern, sagt Paulus.
Dass wir sehen können: Es gibt eine andere Welt.
Eine andere Welt ist möglich.
Eine Welt, in der der Tod nicht das Ende ist.
Und in der die Mächtigen eben nicht die Macht haben,
dass sie die Liebe zum Schweigen bringen.

In dieser anderen Welt geht es gerade nicht so zu wie bei uns.
Niemand versucht, den anderen zu beugen, zu brechen, klein zu machen.
Niemand versucht, die anderen zu beherrschen.
Weil Gott der einzige ist, der herrscht.
Wer an den Ostermorgen glaubt, darf auf diese andere Welt schon heute hoffen.
Darf spüren, dass es nicht immer so zugehen muss auf unserer Welt, dass die quälende alte Ordnung nur vorläufig ist.
Und dieses Gefühl, diese Hoffnung, ist eine unendliche Kraft.

Das ist sie, die Kraft und Energie für alles,
was Du selbst tun willst,
was Du Dir vornimmst,
was Du an Dir ändern willst, denke ich mir.

Ich wünsche es mir sehr, diese Kraft in mir zu spüren.
Ihr wirklich zu vertrauen.
Ja, es gibt unendlich viel zu beklagen auf dieser Welt.
Aber wir wissen, dass es Hoffnung gibt.
Und ich wünsche mir, dass man sie uns Christen mehr anmerken könnte, diese Hoffnung.
Wenn wir keine Hoffnung haben - wer dann?

Diese Welt ist noch nicht fertig.
Sie ist noch nicht so, wie sie sein sollte.
Die Welt, die Menschen, wir sind noch nicht so, wie Gott uns haben will.

Er wird alles vernichten, was uns Angst macht.
Was Menschen zu Feinden macht.
Gott wird die Toten nicht verlieren.
Und die Lebendigen nicht alleine lassen.

Er, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat,
wird auch uns auferwecken.
Uns - alle seine Menschen, diese ganze Welt.
Er wird uns halten in seiner warmen, gütigen Hand.

Noch ist es nicht so weit.
Noch herrscht hier bei uns die alte Welt.
Aber schon jetzt will Gott unsere Herzen mit Hoffnung füllen und uns dadurch zu anderen Menschen machen.

Jetzt schon so leben wie es dann einmal sein wird.
Diese Liebe ausstrahlen und vor allem diese Hoffnung.
Das ist der Osterglaube.
Amen.