Was für ein Segen!

Meine Predigt zu Num 6,22-27 am Sonntag Trinitatis in der Augsburger Barfüßerkirche

Eintrag vom

Den Predigttext für heute kennen Sie alle.
Wir sprechen und hören ihn in jedem einzelnen Gottesdienst.
Immer ganz am Schluss, wenn es aus der Kirche wieder hinaus geht in die neue Woche.

Der Predigttext für heute ist ein Segen.
Ein sehr alter Segen.
Viele Menschen haben ihn schon gehört.
glückliche und traurige.
verzweifelte und dankbare Menschen.

Sie alle haben diesen Segen gehört,
und sie haben spüren dürfen:
Gott meint es gut mit mir.
Trotz allem, was mich gerade umtreibt, was mich traurig macht.
Gott schaut mich mit seinem freundlichen Gesicht an.

In den wenigen Worten unseres Textes steckt unglaublich viel Erfahrung.
Es steckt Leben darin und Geschichte von Menschen,
die vor uns geglaubt haben und die mit uns glauben.

Der Predigttext für heute steht im 4. Buch Mose, im 6. Kapitel:

Der HERR redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich:
So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Der so genannte Aaronitische Segen.
Das, was die Priester sagen sollen, wenn sie dem Volk Israel ausrichten, dass Gott mit ihnen ist.
Dass Gott sie nicht im Stich lässt.
Dass Gott ihnen Frieden schenken will.

Man muss sich das bildlich vorstellen:
Das Volk Israel irrt ziemlich verloren in der Wüste umher.
Es ist das lebensfeindlichste Umfeld, das man sich vorstellen kann.
Wenig Wasser und viel Unsicherheit.
Nicht wissen, wo man ankommt und ob man überhaupt ankommen wird.

Und dann dieser Satz:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Ein Wunsch: Der Herr möge dich behüten.
Und gleichzeitig viel mehr als ein bloßer Wunsch:
Eine Zusage.
Gott selbst gibt sie.
Gott steht hinter diesen Worten.
Er wird diesen Worten Taten folgen lassen.
Er wird die Israeliten an ihr Ziel führen.
Er hat sich nicht abgewandt von ihnen.
Sein Angesicht schaut auf sie.
Und sein Angesicht leuchtet, wenn er auf sein Volk schaut.

Das sind Worte, die das Vertrauen auf Gott stärken.
Immer wieder von neuem.
So kommen sie durch die Wüste.
Mit der Gewissheit, dass Gott sich von ihnen nicht abwendet, schaffen sie ihren schwierigen Weg.

Und wir?
Wie hört sich das Wort Segen für Sie an?

Mir fällt auf, dass viele Menschen das Wort Segen meiden.
Was wünscht man einem Menschen zum Geburtstag?
Man wünscht Glück, man wünscht Gesundheit, man wünscht "alles Gute".
Aber Segen?
Das ist ein bisschen aus der Mode gekommen.
Jedenfalls in den Kreisen, die nicht sonntags regelmäßig in die Kirche gehen.
Ich wünsche Dir "Gottes Segen" - ja, klar, manche sagen das so.
Aber vielen ist dieses Wort auch eine Spur zu groß.
Oder eine Spur zu fromm.
Oder vielleicht sogar ein bisschen peinlich.
So wünschen Sie lieber Glück und Wohlstand und Gesundheit und alles Gute.

Aber:
Segen meint genau dasselbe.
Segen ist nichts Durchgeistigtes.
Segen ist nicht nur für die Seele.
Segen ist etwas sehr Handfestes.
Und er gilt dem ganzen Menschen.

Beim Segen geht es um so wichtige Dinge wie Gesundheit und Wohlstand,
es geht auch zum Beispiel um viele Nachkommen.
Nachkommen waren im Alten Testament ein wichtiges Zeichen für Gottes Zuwendung.

Im Segen geht es um Frieden, um Schalom, wie es auf hebräisch heißt.
Und dieser Friede bedeutet nicht nur, dass es keinen Krieg gibt.
Schalom meint alles, was es zu einem guten und gelingenden Leben braucht.

Ein gutes Leben, das können wir uns nicht selbst geben.
Wir können alles so gut machen, wie wir es eben können.
Wir können uns alle Mühe geben, die wir in uns haben.

Das ist aber noch lange keine Garantie dafür, dass wir ein gutes Leben haben.
Dazu braucht es mehr.
Dazu braucht es günstige äußeren Umstände, die wir nicht beeinflussen können.
Dazu braucht es Gottes Segen.

Wenn wir jemand segnen, dann meinen wir:
Von Gott sollst Du alles bekommen was Du brauchst, damit Dein Leben gut wird.

Manchmal vermissen wir ihn, den Segen.
Es gibt Situationen, in denen ein Mensch sich fern von jedem Segen fühlt.
Wenn das Leben zur Qual wird.
Wenn die äußeren Umstände alle gegen mich zu sein scheinen.
Wenn die Menschen feindselig, die Not groß und die Verzweiflung nahe ist.
Wenn das leuchtende Angesicht Gottes so gar nicht spürbar ist.
Dann vermissen wir ihn, den Segen.

Es gab Zeiten, da hat man zu Menschen in solchen Situationen gesagt:

Du bist selbst schuld.
Sicher hast Du irgendwas getan, dass Gott seinen Segen von dir nimmt.
Oder Du glaubst nicht fest genug an Gott und seinen Segen.
So hat man Menschen noch mehr hineingestoßen in ihr Unglück.

Ich glaube, das ist ein bösartiges Missverständnis.
Segen ist keine Belohnung für irgendetwas.
Und ausbleibender Segen keine Bestrafung.
Der Segen Gottes gilt uns allen, weil Gott freundlich ist.
Nicht weil wir gut sind und das Richtige tun oder glauben.

Ich habe es vorhin schon gesagt:
Gottes Segen gilt den Starken und den Schwachen im Leben.
Er gilt den Erfolgreichen und den Verzweifelten.
Er gilt den Gesunden und den Kranken.
Vielleicht ersehnen ihn die einen mehr als die anderen.
Aber Gott wählt nicht aus zwischen uns Menschen,
wer seinen Segen bekommt und wer nicht.

Denn wir alle haben das Bedürfnis, freundlich angesehen zu werden.
Und das passiert beim Segen:
Gott sieht mich freundlich an, das wird mir im Segen gesagt.
Das richtet mich auf,
das macht mich dankbar,
das gibt meinem Leben recht,
das zeigt, dass Gott einverstanden ist mit mir.

"Was für ein Segen" - das denken wir manchmal, wenn im Leben etwas gelingt, wenn etwas gut geht, was auch ganz anders hätte gehen können.

"Was für ein Segen" - ich erinnere mich gut daran, wie ich das gedacht habe, als ich nach seiner Geburt zum allerersten Mal unseren ältesten Sohn auf meinem Arm hatte.
Da hat mich dieses neugeborene Leben angeschaut,
noch ganz verknittert, die Augen nur halb geöffnet.
Es hat mich freundlich angeschaut, dieses Leben.
Und ja, ich habe gedacht: Was für ein Segen.
Unendlich froh und unendlich dankbar.

Aber auch ganz anders: Vor einer Woche ist meine Mutter gestorben.
Sie ist 95 Jahre alt geworden.
Und sie ist friedlich eingeschlafen.
In ihrem Lieblingsstuhl, mit Blick in den Garten.
Einfach eingeschlafen.
Ohne Kampf, ohne Leid in diesen letzten Stunden.
Ihr Gesicht hat Frieden ausgestrahlt.
Was für ein Segen, habe ich mir gedacht.
Bei aller Trauer: Was für ein Segen!
Das kann man nicht machen, das kann man sich nur schenken lassen.

Vielleicht kennen auch Sie solche Momente, in denen Sie Gottes Segen so intensiv gespürt haben.
An sich selbst, oder an anderen.
Vielleicht sind sie noch gar nicht so lange her, diese Momente, und noch sehr zu spüren.
Vielleicht liegen diese Momente aber auch ferner und sind nur noch eine vage Erinnerung.

Ich glaube, es tut gut, darüber zu sprechen.
Sich gegenseitig zu erzählen, was wir an Segen erlebt haben und wo wir ihn vermissen.
Denn wir sind alle gleich segensbedürftig.
Wir brauchen ihn - und wenn wir ihn nicht spüren, vermissen wir ihn.

Der Segen trifft mich in meinem Innersten.
Und darüber zu sprechen, was ich in meinem Innersten erhoffe, was ich ersehne, was ich vermisse,
das kann sehr gut tun.
Zu merken, dass es anderen ähnlich geht,
oder vielleicht ganz anders,
das stärkt mich und das stärkt unsere Beziehungen.

Denn Segen wird zwar jedem und jeder einzelnen von uns gesagt:
"Der Herr segne dich und behüte dich"
Aber unter den Segen am Ende des Gottesdienstes stellen wir uns gemeinsam.
Segen: Das sind die letzten Worte in einem Gottesdienst.
Sie werden gesprochen, wenn es wieder hinaus geht.
Aus der Kirche in den Alltag.
In das, was da kommt.
Noch weiß man nicht, was das sein wird.
Manche fürchten sich davor, oder sind unsicher, was auf sie zukommt.
Aber auch die, die ganz zuversichtlich in die neue Woche gehen, wissen:
Damit es wirklich gut werden kann, braucht es den Segen.

Manche Menschen gehen aus der Kirche und sagen:
Die Predigt hätte ich gar nicht gebraucht, mir ist der Segen am wichtigsten.
Das ist keine so sehr schmeichelnde Erfahrung für den Prediger.
Aber es ist völlig in Ordnung, denn der Segen fasst alles zusammen, was man in einer Predigt sagen kann:
Gott meint es gut mit Dir.
Das soll Dir Vertrauen in Dein Leben geben.
Das soll Dich aufrichten, aufbauen und Dir die Kraft geben, Dein Leben im Frieden zu leben.
Amen.