Brot des Lebens

Brot des Lebens

Predigt zu Joh 6,30-35

Warum kann es nicht immer so sein, wie es uns das Evangelium [Joh 6,1-15, Die Speisung der Vielen] erzählt?
Egal, wie groß die Menge ist -
Egal, was für Menschen da zusammenkommen -
Egal, wie stark der Hunger nagt:
Alle werden satt.
Niemand muss hungern, es reicht wirklich für jeden.
Und es bleibt sogar noch eine Menge übrig,
als Beweis dafür, wie groß das Wunder ist.
Vielleicht auch als Wegzehrung für den Heimweg.

Für die Bauern, Hirten und Fischer von damals,
immer knapp am Existenzminimum,
muss das ein Vorgeschmack des Paradieses gewesen sein.

Aber halt nur ein Vorgeschmack.
Morgen schon müssen sie wieder um ihren Lebensunterhalten bangen.
Ihre Äcker bestellen und hoffen, dass es genug Regen gibt, damit etwas wächst.
Ihre Netze auswerfen und hoffen, dass sich genug Fische darin verfangen.

Im Alltag bleibt nie etwas übrig, schon gar keine Körbe voll.
Im Gegenteil: Sie müssen sich sorgen, ob sie mit dem wenigen, was sie ernten,
ihre Familien über die Runden bringen.

Kann es denn nicht immer so sein, dass alle genug haben?

Jesus ist von Gott gesandt, sagt er.
Um wie viel glaubwürdiger wäre das,
Wenn er nicht nur einmal ein solches Wunder wirkte,
Sondern wenn er von jetzt an überhaupt dafür sorgen könnte,
Dass die Menschen genug haben für ihr Leben?
Warum tut er das nicht?

Mit dieser Frage beginnt unser Predigttext,
ein paar Verse nach der Erzählung von der Speisung der Vielen,
die wir vorhin gehört haben.

Ich lese aus Joh 6:
Das Volk sprach zu Jesus: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben?
Was für ein Werk tust du?
Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: „Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.“
Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Es ist klar: Jesus entzieht sich der Bitte nach immer weiteren Speisungswundern.
Er ist nicht der, der die Menschen Tag für Tag mit Lebensmitteln versorgt.
So funktioniert das nicht, sagt Jesus.
Dafür ist er nicht gekommen.

Das, was ich euch geben kann, sagt er, ist eine andere Art von Brot.
Ein Brot, das mehr ist als gemahlenes Korn.
Ein Brot, das nicht verdirbt, niemals.
Ein Brot, das euch zum Leben hilft, aber anders, als ihr meint.
Und das mit mir selbst zu tun hat und eurem Glauben an mich.

In diesen wenigen Versen steckt sehr viel von dem, was dem Evangelisten Johannes wichtig ist. Manches ist uns fremder, vieles sehr nah.
Drei Gedanken sind es, die mir an diesem Text besonders wichtig sind.

Mein erster Gedanke:
Jesus kommt in eine Welt, in der Hunger herrscht.
Ganz realer Hunger mit knurrendem Magen
und Hunger in einem übertragenen Sinn.
Da ist das Evangelium sehr realistisch.

Menschen haben Bedürfnisse.
Elementare Grundbedürfnisse.
Und die Welt, in der wir leben, macht es uns nicht immer leicht, sie zu befriedigen.

Gott sei Dank: Meine Generation hat Hunger niemals selbst erlebt.
Wenn wir heute Hunger haben, dann können wir uns Brot kaufen.
Für viele von uns besteht dann die Schwierigkeit nur noch darin,
ob man sich für das Öko-Dinkel-Vollkorn-Kipferl
oder die Bio-Weizen-Laugen-Stange entscheidet.
Das nennt man Überfluss. Und, ehrlich, ich bin dankbar dafür.

Denn schon die Generation meiner Eltern hat nach dem Krieg Hunger am eigenen Leib erfahren, ganz realen, nagenden Hunger.
Und uns alle verbindet, dass wir die schrecklichen Bilder von unterernährten Kindern aus Afrika mit ihren grotesk aufgeblähten Hungerbäuchen nicht aus dem Kopf bekommen.
Hunger gibt es, auch heute, grausam real.

Und es gibt den anderen Hunger. Den Hunger auf Leben.
Bei uns in den Wohlstandsgesellschaften nicht mehr oder weniger als in den ärmeren Ländern.
Eine schier unstillbare Sehnsucht nach Liebe,
nach Anerkennung,
nach Frieden.
Die Sehnsucht danach, dass ich mehr bin als ein durch Zufall entstandenes Etwas.
Dass mich jemand anschaut, liebevoll, interessiert,
Eine bohrende Hoffnung darauf, dass mein Leben einen Sinn haben möge.

Dieser Hunger auf Leben ist nicht weniger real als der Hunger, der die Mägen knurren lässt.
Das Evangelium ist da sehr nah an der Wirklichkeit.
Jesus selbst ist sehr nah an der Wirklichkeit.
Er kommt in eine Welt, in der Hunger herrscht.
Er kommt zu Menschen, die bedürftig sind, die etwas brauchen, die alleine nicht zurecht kommen.
Die Schwierigkeiten haben, alle Menschen mit genügend Brot zu versorgen.
Und die von schmerzlicher Sehnsucht, von Zweifeln und Selbstzweifeln geplagt sind.
Zu denen kommt er. Zu uns kommt er.

Die, die ihn erlebt haben, setzen ihre Hoffnung auf ihn.
Auf den, der die 5000 gespeist hat, mit ein paar Broten und Fischen nur.
Kann der nicht etwas grundsätzlich ändern?
Kann der nicht aus der Welt des Hungers eine Welt machen, in der es Manna vom Himmel regnet und alle Brot und Fisch genug haben?

Damit zu meinem zweiten Gedanken:
Nein, das kann ich nicht, sagt Jesus.
Das ist nicht das, was Gott mit mir vorhat.
Gott hat mich nicht gesandt, die Welt zu verändern.
Jedenfalls nicht so, wie Ihr Euch das vorstellt.

So lese ich unseren Predigttext.
Gib uns allezeit solches Brot, sagt das Volk zu Jesus.
Aber darauf geht Jesus nicht ein.
Er ist nicht gekommen, dass alle jederzeit Brot haben.
Der an diesem Tag die 5000 gespeist hat, speist sie nicht auch am nächsten Tag.
Und er speist eben nicht auch die 7 Milliarden, die heute die Erde bevölkern.

Dass Jesus auf diese Bitte nicht eingeht, damit müssen wir leben.
Damit muss unser Glaube leben.
Wie viel leichter wäre es, an Gott zu glauben, wenn es keinen Hunger gäbe auf der Welt.
Wenn Kinder in Ostafrika aufwachsen könnten ohne permanente Unterernährung.
Wenn die Kinder in Indien in der Schulbank sitzen könnten,
statt auf stinkenden Müllgebirgen nach Essbarem suchen zu müssen.

Wie viel leichter wäre unser Glaube, wenn die Welt nicht zerrissen wäre von Terror und Krieg,
von Streit um den Tempelberg,
von Angst vor der nordkoreanischen Atomrakete,
oder eine unüberlegte, impulsive und gefährliche Reaktion durch den amerikanischen Präsidenten.

Dass Gott diese Welt gut geschaffen hat
und dass er seinen Sohn in die Welt gesandt hat,
um uns Menschen seine Liebe zu zeigen:
Das glauben wir nicht, weil wir die Welt perfekt wäre.

Das glauben wir, obwohl sie so ist, wie sie ist.
Manchmal großartig und schön - und allzuoft grausam und zerrissen, dreckig und hungrig.
Der Hunger bleibt, er ist bis heute geblieben in der Welt,
trotz Jesus und seiner Verheißung.
Die Welt bleibt ins Zwielicht getaucht.
Und das macht mir das Glauben manchmal sehr schwer - und gleichzeitig merke ich, wie sehr ich gerade deshalb angewiesen bin auf einen Glauben, der im Zwielicht das Helle sucht.

Mein dritter Gedanke:
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Ich übersetze diese Worte Jesu für mich so:
Gott hat mich nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu verändern.
Gott hat mich in die Welt gesandt, um Euch zu verändern.

Wo die Menschen von Jesus etwas verlangen, nämlich immer noch mehr Zeichen und immer noch mehr Wunder, da sind es doch eigentlich die Menschen selbst, die etwas tun müssten:
Zu Jesus kommen und an ihn glauben.
Und das heißt: Auf ihn schauen, auf sein Gottvertrauen, auf seine Liebe,
auf seine Weigerung, Menschen zu hassen, nicht einmal die, die ihn gehasst haben.

Zu ihm kommen und sich von ihm anstecken lassen.
Das ist es, was wir eigentlich tun sollten, wenn wir den Hunger auf das Leben spüren.

Denn letztlich bietet er sich uns selbst an.
Alles, was er ist, hat er gegeben.
Er hat das Leben der Menschen geteilt, bis auf den schmerzlichsten Grund.
Er hat wie kein anderer von der Liebe Gottes gesprochen,
die sich in der Liebe der Menschen spiegeln soll.
Er hat Frieden und Gewaltlosigkeit gepredigt - sie nicht nur gepredigt, sondern auch selbst gelebt. Bis an’s Ende.

Er hält die hungrige Welt mit uns aus.
Verliert darin aber eben nicht den Glauben an den Vater.
Im Gegenteil, dieser Glaube ist der Grund seines Lebens.
Und er soll die Grundlage unseres Lebens werden.

Denn dieser Glaube verschafft uns Gewissheit, dass wir mehr sind als ein Zufall.
Dass uns jemand anschaut, liebevoll, interessiert,
dass unser Leben einen Sinn hat.

Jesus will uns satt machen. Das ist die Botschaft des Predigttextes.
Aber anders, als wir denken.
Er will unseren Lebenshunger stillen, dass die Seele genug zu essen hat.

Aber: Das ist nicht genug.
Niemand soll das auseinanderreißen:
Das Brot für die Seele und das Brot für den Leib.
So als ob Jesus sich nur für das geistliche Brot interessiert hätte.
Wir sind ganze Menschen, für unser Leben braucht es beides.
Das weiß auch Jesus.
Und deshalb will er nicht nur uns verändern,
sondern mit uns dann eben doch auch diese Welt.

Er macht uns nicht in der Weise satt, dass wir träge werden.
Voll mit seinem Brot, selbstzufrieden, weil wir ja ihn haben.
Er macht uns vielmehr auf eine Weise satt, dass wir aufstehen vom Tisch
und uns gestärkt auf den Weg machen.
Dorthin, wo noch Hunger herrscht.
Dorthin, wo noch Unfriede ist.
Dorthin, wo wir gebraucht werden, um den Hunger zu stillen.

Es ist nicht so, als ob wir das Brot des Lebens nur für uns alleine haben sollen.
Kein Mensch soll hungern müssen auf dieser Welt,
nicht im Magen und nicht in der Seele.
Wir sollen das Brot teilen, wir sollen es weitergeben.
So wie er sich uns gibt.
Amen.