Das Gift, das Gesellschaften zersetzt

Das Gift, das Gesellschaften zersetzt

Predigt zu Numeri 21,4-9

Der heutige Predigttext mutet uns eine auf den ersten Blick reichlich fremde und altertümliche Geschichte zu. Eine Geschichte vom Volk Israel in der Wüste.
Von Schlangen und einem wundersamen Gegenmittel gegen ihr Gift.

Auf den ersten Blick fremd sage ich, nur auf den ersten Blick fremd. Ich glaube tatsächlich, dass sich unter den alten Bildern und Vorstellungen eine ganze Menge von dem verbirgt, was uns Heutigen nur allzu bekannt ist.
Wir würden, wenn wir davon erzählen, heute vermutlich andere Bilder verwenden.
Aber es tut ganz gut, sich das, was uns derzeit beschäftigt, einmal ein wenig verfremdet anzuhören: in den Bildern, die die Menschen in einem anderen Erdteil vor über 2000 Jahren verwendet haben. Und darin uns heute erkennen.
Eine Form von biblischem Verfremdungseffekt also.

Ich lese aus dem 4. Buch Mose, aus dem 21. Kapitel:

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Nun werden die wenigsten von uns nähere Erfahrungen mit Schlangen in der Wüste gemacht haben. Aber das ist nicht das eigentlich Fremde an diesem Text.
Viel merkwürdiger und befremdlicher kommt mir dieses Zeichen vor:
Eine Schlange aus Bronze, an einer Stange befestigt und aufgerichtet.
Und dieses Zeichen soll ein Heilmittel sein gegen die Gefahr, die am Wüstenboden lauert.
Das ist schon eine merkwürdige Vorstellung.
Da scheint viel Magie im Spiel zu sein.
Und man ist eher an Indiana Jones oder seine Kollegen aus anderen Fantasy-Filmen erinnert als an eine biblische Geschichte.

Und doch steckt, glaube ich, in dieser Geschichte viel, was auch dem Aufgeklärtesten heute einleuchten wird und vielleicht sogar seinen Horizont erweitert.

Fangen wir beim murrenden Volk an.
So fremd ist uns das ja gar nicht.
Israel ist nun schon 40 Jahre in der Wüste unterwegs. Immer knapp in Sichtweite vom gelobten Land, dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Aber sie erreichen es nicht. Vorerst nicht.
40 Jahre lang, damals ein ganzes Menschenalter.

Und nun, ganz knapp davor, müssen sie wieder umdrehen, müssen sich wieder einen anderen Weg suchen, der sie endlich ans Ziel bringt.

Und das in einer Wüste, die nur wenig Attraktives an Trink- oder Essbarem bietet.
Brütendheiß am Tag und frostig kalt in der Nacht.
Da kann man sich schon mal beschweren.

Und das Volk tut das ausgiebig. Immer wieder.
Es beschwert sich bei Mose, bei Gott selbst.

Manchmal schickt Gott ihnen Rettung,
zeigt ihnen, wo es Wasser gibt.
Dann wieder lässt er Manna vom Himmel regnen.
Gott sorgt dafür, so wird berichtet, dass das Volk überlebt, bewahrt die Israeliten vor dem Durst- und Hungertod.
Aber das reicht nicht.
Das Volk hat genug von der Wüste. Es will endlich ankommen.

Das Volk murrt.
Und dieses Murren wird zur Dauerhaltung.
Früher, so sagt man, war alles besser.
Damals in Ägypten, da waren wir zwar Sklaven, aber wir hatten wenigstens zu essen.
Die Fleischtöpfe Ägyptens werden zum Bild für alles das, wonach man sich sehnt.
Die Stimmung wird gereizt und immer gereizter.
Was nützt die Freiheit, wenn sie uns in diese öde Wüste führt?
Was nützt uns das Versprechen des Gelobten Landes, wenn wir davon jetzt nicht abbeißen können?

Es rumort gewaltig im Volk Israel.
Und, wie gesagt, dieses Rumoren ist uns Heutigen nicht fremd.
Im Gegenteil: Vielleicht ist die Gereiztheit, das vergiftete Klima,
vielleicht ist das das beherrschende Gefühl, wenn wir an unsere Gesellschaft heute denken.

Die Zahl der Unzufriedenen wächst.
Manche haben sicher einen guten Grund, unzufrieden zu sein.
Bei anderen aber ist die Unzufriedenheit zu einer Haltung geworden, die scheinbar gar keinen Grund mehr braucht.
„Ich komme zu kurz“ ist das verbreitete Murren unserer Zeit.
Und nicht immer ist es nachvollziehbar.

Vor allem macht diese undeutliche Unzufriedenheit anfällig für einfache Parolen:
Früher war alles besser.
Damals, als die Verhältnisse noch übersichtlich waren.
Als ein Volk noch ein Volk war.
Und eine Grenze noch eine Grenze.
Und als unser Land noch durch und durch christlich war.
Parolen, die nichts anderes bewirken, als die Stimmung noch weiter zu vergiften.

Denn natürlich stimmt das nicht.
Die Welt war früher vielleicht übersichtlicher, aber sie war nicht sicherer, nicht besser, nicht gerechter.
Und sie war auch nie so christlich, wie wir uns das heute gern vorstellen.
Und wer nur noch wehmütig zurück blickt, der verliert den Blick für’s Heute:
Für die Menschen, die mit ihm und um ihn herum leben und seine Gemeinschaft, seine Hilfe, seine Aufmerksamkeit brauchen.
Das ewige „Ich komme zu kurz“ - das ist das Gift, das Gesellschaften langsam zerstört.

Und dieses Gift wirkt auch in Israel.
Es sind Schlangen, die Gott schickt. Wüstenschlangen, die ihr ziemlich gemeines und tödliches Gift verbreiten.
Nirgendwo im Text ist übrigens gesagt, dass Gott sie als eine Strafmaßnahme schickt.
Eigentlich macht Gott mit den Schlangen nur sichtbar, was sowieso schon im Volk passiert:
Das Gift der Unzufriedenheit breitet sich aus.
Diese Art von Murren und Motzen, von verbissenem Rechthaben und mangelnder Gesprächsbereitschaft, diese Art vergiftet das Klima in einer Gesellschaft.
Da muss gar nicht Gott die Strafe schicken, das Gift kommt von selbst.

Die Unzufriedenheit überwuchert alles andere:
Sie raubt den Mut zum Leben,
Sie macht ein Miteinander der Menschen unmöglich,
sie verstellt den Blick auf den Nachbarn und seine vielleicht noch größeren Probleme,
sie untergräbt das Vertrauen in die Zukunft,
und ja, sie ist vor allem das Gegenteil von Gottvertrauen.

Es gibt eine Form der Unzufriedenheit, die den Blick von sich selbst nicht abwenden kann.
Die fixiert ist auf sich selbst, die daneben nichts mehr wahrnehmen kann.
Die sich nichts mehr Gutes erhofft, nicht von Menschen, nicht von Gott.
Denn das würde das eigene Weltbild durcheinanderbringen.

Diese Form der Unzufriedenheit ist Gift.
Gift für mich, für die anderen, für die Gemeinschaft.
Die Bibel nennt dieses Gift Sünde,
weil es von Gott wegführt und das Leben zerstört.

Das merkt nun auch das Volk Israel.
Sie wenden sich an Moses:
„Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.“

Und so kommt es auf Gottes Gebot hin zu dem merkwürdigen Zeichen der ehernen Schlange, die Mose an einem Stab befestigt und weithin sichtbar aufstellt.

Dieses Zeichen bewirkt nicht, dass die Schlangen verschwinden.
es bewirkt nicht einmal, dass niemand mehr gebissen wird.
Aber wer auf das Zeichen sieht, wird den Biss überleben.
Die Schlangen sind noch da, aber das Gift verliert seine Kraft.

Ich glaube, man kann dieses Zeichen deuten, auch ohne Anleihen bei der Magie nehmen zu müssen.

Zunächst einmal ist es ein ganz einfacher Vorgang:
Als Moses die Schlange vor ihnen aufrichtet, richten sich auch die Israeliten auf:
Sie heben ihre Köpfe, um diese Schlange anzusehen.
Sie wenden ihren Blick nach oben.
Wer bisher nur mit sich selbst beschäftigt war, wer nur Augen hatte für sich selbst, für die eigene Situation, der sieht nun auf einmal wieder nach oben -

Nimmt wahr, was um ihn herum geschieht.
Sieht auch auf die anderen, merkt, dass er Teil einer Gemeinschaft ist.

Schon das allein bewirkt viel.

Aber dann ist diese Schlange ja nicht irgendein Zeichen.
Sie steht für alles das, was die Menschen erleiden, was sie von Gott entfernt.
Sie steht für die Not und das Elend.
Sie steht für die Armut und für die Krankheit.
Sie steht für die Einsamkeit und für die Trauer.

Wer diese Schlange ansieht, bleibt leben, heißt es.
Für mich bedeutet das:
Leben hat es damit zu tun, das Leid und die Not nicht auszublenden.

Sieh genau hin, sagt Gott, wenn er Mose die Schlange aufrichten lässt:
Sieh genau auf das Leid, nicht nur Dein eigenes.
Sondern auch auf das Leid der anderen.

Schau nicht weg, wenn Menschen arm sind.
Schau nicht weg, wenn jemand Deine Hilfe braucht
Sieh genau hin, wenn die einen nur unzufrieden sind
und die anderen wirklich leiden müssen.
Lass dich nicht von Parolen einfangen, die deinen Kopf wieder senken, die dich wieder nur auf dich selbst achten lassen.
Und vertrau Dich anderen an, wenn Du selbst Hilfe brauchst.
Das - und erst das - ist wirkliches Leben.

Das Leid, das Böse, das Gift, das in der Welt ist, wird weithin sichtbar.
Ich glaube, darin steckt ein Stück Heilung.
Denn eine Gesellschaft, die versucht, das Leid zu verstecken oder zu verdrängen, ist eine furchtbar unbarmherzige Gesellschaft. Aber dort, wo Leiden sichtbar wird, dort kann Mitgefühl entstehen.

Und dieses genaue Hinsehen, dieses Nicht-Verstecken, das Nicht-Verdrängen, das Mitfühlen,
das ist der neue Blick, den Gott schenkt.
Es ist der Blick, den das Judentum und das Christentum gemeinsam haben:
Der Blick, der das Leiden dieser Welt sehr präzise wahrnimmt.
Der aber bei allem Leiden die Hoffnung nicht verliert.
Der nicht resigniert, sondern darauf hofft, dass Gottes Gerechtigkeit sich durchsetzt.
Eine Hoffnung, die nicht aus der Welt selbst kommt,
sondern die er sich von Gott schenken lässt.

Ein Letztes:
Die Geschichte mit dem Bildnis der ehernen Schlange erinnert an das Bild des gekreuzigten Jesus.

Diese Verbindung wird in der Bibel selbst gezogen.
Im Johannes-Evangelium heißt es: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Wenn wir zum Gesicht des Gekreuzigten emporsehen, dann sehen wir einen, der die tiefste Gottesferne erlebt.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, schreit Jesus kurz vor seinem Tod.

Dass wir genau ihn zum Grund unseres Glaubens machen,
das heißt, dass wir das Leiden in der Welt sehr genau wahrnehmen wollen.
Aber es heißt auch, dass wir in all diesem Leid die Hoffnung nicht verlieren wollen.
Aus der tiefsten Gottesferne ist Jesus zum ewigen Leben auferstanden.
Das ist der Grund für unsere Hoffnung.