Der Geist der Gelassenheit

Der Geist der Gelassenheit

Pfingstpredigt zu 1. Kor 2,12-16

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt,
sondern den Geist aus Gott,
dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann,
sondern mit Worten, die der Geist lehrt,
und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist;
es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen;
denn es muss geistlich beurteilt werden.

Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.
Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen“?
Wir aber haben Christi Sinn.

Ein bisschen genervt klingt der Apostel.
Merkt Ihr’s nicht? Fragt er.
Merkt Ihr’s immer noch nicht?
Die Welt hat sich verändert,
und Ihr Korinther macht einfach so weiter,
also ob nichts geschehen wäre.
Als ob es Christus nie gegeben hätte.
Als ob er nicht am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden wäre.

Ihr benehmt euch immer noch so, als ob die Welt der Maßstab aller Dinge wäre.
Ist sie aber nicht. Nicht mehr.
Der Maßstab aller Dinge hat sich verschoben.
Und Ihr könntet das eigentlich wissen.
Ihr solltet das eigentlich wissen.
Ihr, die Ihr von Christus wisst.
Ihr, die Ihr wisst, was Gott an ihm getan hat. Und durch ihn an uns allen.
Auch an Euch, an jedem einzelnen von Euch.

Und jetzt reisst Euch endlich zusammen und lebt auch so!

In der Gemeinde von Korinth hatte es ziemlich heftigen Streit gegeben.
Streit darüber, wer der bessere Christ war.
Streit darüber, wer geistvoller reden konnte.
Eifersucht, Intrige, Überheblichkeit.
Streit eben, wie es ihn unter Menschen nun mal gibt.

Und Paulus will in diesem Streit vermitteln.
Er will ihn schlichten - nicht, indem er Partei für die eine oder andere Seite ergreift.
Sondern indem er sie an ihre gemeinsame Grundlage erinnert.
An den Grund, den sie alle teilen.
Und das ist der Geist, den alle Christen empfangen haben.

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt,
sondern den Geist aus Gott,
dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

Heute, 2000 Jahren später, an Pfingsten 2018 lesen wir diesen Text
und haben so unsere Schwierigkeiten damit.
Pfingsten, das ist das Fest des Heiligen Geistes,
da braust es in der Luft und das Feuer springt auf die Menschen über.
Unser Predigttext aber klingt eher nach Theorie,
ist jedenfalls nicht halb so anschaulich wie die Flammen,
die sich auf die Apostel setzen.

Und trotzdem glaube ich, dass dieser Text genauso zu Pfingsten gehört wie die Apostelgeschichte, die wir vorhin gehört haben. Ich glaube, dass es beide Texte braucht, um den Geist Gottes richtig zu begreifen. Die Begeisterungsgeschichte der Apostel - und die Mahnungen des Paulus.

Was wäre denn ohne den Geist? Was wäre denn ohne Pfingsten?
Kreuz und Auferstehung wären in Vergessenheit geraten.
Sie wären das Geheimnis einer kleinen Gruppe von Menschen geblieben, irgendwann wäre die Erinnerung an Jesus, die Trauer an seinem Kreuz und die unfassbare Freude über seine Auferstehung -
irgendwann wäre das nur noch eine blasse Erinnerung weniger Menschen gewesen
und schließlich ausgestorben.
Paulus selbst hätte vermutlich nie davon erfahren.

Aber so war es nicht. Gott hat es Pfingsten werden lassen.
Hat die ängstlichen Jünger auf die Straße geschickt.
Hat sie reden lassen, so überzeugend reden lassen, dass der Funke übergesprungen ist.

Wir haben den Geist aus Gott,
dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

Ja, ohne den Geist wüssten wir nichts.
Nichts vom Kreuz und erst recht nichts von der Auferstehung.
Selbst wenn wir davon wüssten, dann wäre es vielleicht eine Fußnote in irgendeinem antiken Geschichtsbuch.
Aber es wäre sicher nichts, was uns etwas anginge. Was mit uns zu tun hätte.

So aber wissen wir vom Kreuz und von der Auferstehung.
Und dieses Wissen verändert uns.
Es macht uns zu geistlichen Menschen, wie Paulus sagt.
Menschen, die den Geist Gottes in sich wirken lassen.
Menschen, die dem Geist Gottes in ihrem Leben Raum geben.

Scharf unterscheidet Paulus den geistlichen Menschen und den natürlichen Menschen.
Auf der einen Seite: der alte, der natürliche Mensch.
Der meint, sein Leben immerfort selbst in den Griff bekommen zu müssen.
Der ringt unablässig mit sich, mit den anderen, mit der Welt und seinem Schicksal,
für den ist das Leben ein beständiger Kampf, in dem alles auf dem Spiel steht:
Sieg oder Niederlage, Scheitern oder Gelingen, Leben oder Tod.

Um selbst groß zu werden, muss er die anderen klein kriegen.
Und schlimmstenfalls wird die Religion zur Waffe, um den anderen niederzumachen.
Sieh her, sagt der natürliche Mensch:
Ich lebe gottwohlgefälliger als Du,
mein Glauben ist der richtige, Du dagegen bist auf dem Holzweg,
Du bist weniger wert, bist weiter weg von der richtigen Lehre.
So war es damals in Korinth.

Und so ist es, wenn wir ehrlich sind, bis heute geblieben.
Leben ist für viele Menschen ein Kampf, nicht FÜR ETWAS, sondern GEGEN ANDERE.
Ich bin nur etwas, wenn ich mehr bin als mein Nachbar.

Zugeben wird das kaum einer, trotzdem scheint es das Lebensgefühl vieler zu sein. Und selbst das Kreuz ist zum Symbol des Kampfes der einen gegen die anderen geworden:
Wir sind nur wer, wenn die anderen die anderen sind - und immer die anderen bleiben.
Und genau daran verzweifelt Paulus:
Wenigstens ihr, die ihr von Christus wisst, solltet nicht so sein.
Ihr solltet geistliche Menschen sein.
Nein, ihr seid es - nur merkt ihr es selbst manchmal nicht.

Der geistliche Mensch weiß, dass ihm sein Leben geschenkt ist.
Nicht Kampf ist das Leben, sondern Geschenk.
Der geistliche Mensch spürt, dass er behütet ist, dass Gott ihn begleitet.
Er muss nicht ständig kämpfen, schon gar nicht für sich selbst.
Er muss nicht hadern, nicht mit anderen, nicht mit seinem Schicksal.

Gelassenheit ist es, was der Geist ihm verleiht.

Gelassenheit, weil er weiß, dass sein Leben geborgen ist in Gottes Hand.
Der Geist schenkt dem geistlichen Menschen einen langen Atem:
Dieser Atem hilft ihm, wenn der Lebensweg unbequem wird,
wenn er steil ansteigt, wenn das Leben viel von ihm fordert.
Dieser Atem hilft, die Zeiten der Ödnis, der Einsamkeit, der Trauer und des Schmerzes durchzustehen.
Immer ist der Geist dabei, wir wissen um Liebe und spüren die Liebe, die uns von Gott geschenkt ist und noch geschenkt werden wird.

Gelassenheit verleiht der Geist, weil er die Angst nimmt:
Die Angst vor dem Scheitern ist, glaube ich, ein ganz großer Antrieb des natürlichen Menschen.
Der geistliche Mensch weiß, dass er mal scheitern kann.
Aber er weiß auch, dass daran nicht das ganze Leben hängt.
Der Verstand mag zweifeln,
Gottes Geist in uns aber vertraut auf Gott:
Niemals scheitern wir endgültig, am Ende steht da Gott mit offenem Armen und geht uns entgegen.

Gelassenheit verleiht der Geist, die den anderen so sein lässt, wie er ist.
Wer nicht ständig um sich selbst Angst hat, begegnet anderen gelassener.
Wer in sich ruht, muss nicht permanent andere prüfen und beurteilen.
Und er verspürt auch keine klammheimliche Freude,
wenn der andere der eigenen Prüfung nicht standhält.
Ob die anderen auf dem rechten Weg sind, ob sie in unserem Sinn richtig und an das Richtige glauben, lassen wir das doch Gott entscheiden.
Wir sind wer, auch wenn die anderen auch wer sind.

Gelassenheit verleiht der Heilige Geist, er gibt aber auch Feuer.
Da, wo es in der Welt Ungerechtigkeiten gibt,
da, wo Menschen meinen, sie dürften die einen schlechter behandeln als die anderen,
da, wo der Respekt vor Gottes Geschöpfen verloren gegangen ist,
da kann das Feuer des Heiligen Geistes zum heiligen Zorn werden.
Der Heilige Geist ist nicht ein Geist der Gelassenheit, aber nicht der Gleichgültigkeit.
Im Gegenteil: Wer für sein eigenes Leben nichts fürchten muss,
kann umso entschlossener für andere eintreten.
Auch das ist ein Werk des Geistes.

Paulus unterscheidet scharf zwischen dem geistlichen und dem natürlichen Menschen.
Aber ich glaube, diese Trennung verläuft nicht zwischen dem einen und dem anderen Teil der Menschheit.
Sie verläuft mitten durch uns alle hindurch.

Ich fürchte, niemand von uns würde die Prüfung zum geistlichen Menschen bestehen.
Gott sei Dank gibt’s die nicht, diese Prüfung.
Wir sind viel zu sehr mit uns beschäftigt, als dass wir gelassen bleiben könnten.
Und wir sind viel zu sehr in uns selbst gefangen, als dass wir aufrichtig und ehrlich gegen die Ungerechtigkeit und für die anderen eintreten würden.

Das weiß Gott.
Er schenkt uns trotzdem seinen Geist.
Oder gerade deswegen.

Manchmal geben wir ihm mehr Raum.
dann merken wir, wie gut uns das tut.
Manchmal überwiegt in uns aber auch der Geist der Welt und die Weisheit der Menschen:
Manchmal überwiegt die Angst um uns selbst.
Manchmal überwiegt der Stolz auf uns selbst.
Manchmal überwiegt die Überheblichkeit.

Und dann hören wir wieder Paulus:
Merkt Ihr’s nicht? Fragt er.
Merkt Ihr’s immer noch nicht?
Die Welt hat sich verändert, und Ihr Menschen macht einfach so weiter,
also ob nichts geschehen wäre.
Als ob es Christus nie gegeben hätte.
Als ob er nicht am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden wäre.

Ihr benehmt euch immer noch so, als ob die Welt der Maßstab aller Dinge wäre
und ihr der Nabel dieser Welt.
Lasst den Geist Gottes in Euch wirken.
Er erinnert an Jesus Christus. An seine Liebe. An sein Kreuz. An seine Auferstehung.
Und er mahnt Euch zur Gelassenheit, zu einem heiteren Ernst, der die Welt verändert.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.