Früher war alles besser. Oder?

Früher war alles besser. Oder?

Predigt zu Epheser 2,4-10

Früher war alles besser. Oder?

Früher war mehr Lametta, sagt schon Loriot.
Früher, da waren die Winter kälter, und es hat natürlich auch viel mehr geschneit.
Und die Sommer waren noch echte Sommer, mit Hitzefrei, Freibad und natürlich Eiscreme.
Nicht so wie heute, wo die Winter warm sind und die Sommer regnerisch.
Früher waren die Leute rücksichtsvoller.
Früher war man überhaupt anständiger.
Und früher waren die Kirchen voller und die Menschen frömmer.
Oder?

Das meiste davon stimmt nicht.
Es ist eher eine gefühlte Wahrheit.

Ich glaube: Ab einem bestimmten Alter schaut der Mensch lieber zurück als nach vorne.
Ich weiß nicht, ab welchem Alter genau das ist.
Ich merke nur, dass es auch mir mit Mitte 50 manchmal schon so geht:
Das Leben im allgemeinen, unsere Gesellschaft, die ganze Geschichte:
Irgendwie scheint alles auf einer schiefen Bahn zu sein.
Und die schiefe Bahn geht leider nicht bergauf, sondern bergab.
Jedenfalls fühlt sich das manchmal so an.
Ich glaube, das ist der Punkt:
Wenn wir "Früher war alles besser" sagen,
dann sagen wir gar nichts darüber, wie es wirklich war.
Wir sprechen eher über unsere Gefühle.
Wir sprechen über unser Lebensgefühl.

Und für viele ist das tatsächlich das bestimmende Lebensgefühl:
Auf die Vergangenheit, darauf schauen wir ein wenig wehmütig zurück und sehnen uns nach der guten alten Zeit.

Und in die Zukunft: Da schauen wir eher mit einer Mischung aus Unzufriedenheit und Unsicherheit.

Das ist erstaunlich.
Denn im christlichen Glauben ist es eigentlich genau anders herum.
Die Christen hatten, vor allem am Anfang, ein ganz anderes Lebensgefühl.
Genau entgegengesetzt.
Die Vergangenheit: Das war das Alte, das wir in Christus überwunden haben.
Die Zukunft aber: Von der erwarten wir uns alles Gute.

Die Tugend der Christen ist die Hoffnung.
Und Hoffnung richtet sich immer auf die Zukunft, nie auf die Vergangenheit.
Das war damals ein wirklich ein komplett anderes Lebensgefühl als wir es heute meist haben.

Ein schönes Beispiel für dieses Lebensgefühl der ersten Christen ist der Brief an die Epheser.
Ich lese aus dem 2. Kapitel - heute ausnahmsweise aus der Basisbibel.
Die ist an dieser Stelle deutlich verständlicher als der Luthertext:

Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt
und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht.
Das tat er, obwohl wir tot waren aufgrund unserer Verfehlungen.
Aus reiner Gnade hat er uns gerettet.

Früher waren wir tot - aber Gott hat uns lebendig gemacht.
Was hinter uns liegt, die Vergangenheit - die ist nun glücklich überwunden.
Und um das, was kommt, müssen wir uns keine Sorgen machen.
Denn wir sind gerettet.

Gott hat uns lebendig gemacht - aus lauter Gnade.
So fühlt sich die Welt für die ersten Christen an: Es geht bergauf.
Und eigentlich sind wir schon oben angekommen.

Die Vergangenheit - das ist die Zeit, als wir auf uns allein gestellt waren.
Und was passiert, wenn man Menschen auf sich allein gestellt lässt, das ahnt man.
Nichts Gutes jedenfalls.
Wir waren tot aufgrund unserer Verfehlungen, sagt der Epheserbrief.
Tot, das heißt: Wir haben nicht wirklich gelebt.
Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben.
Wir waren faul und träge, bösartig und zornig.

Früher, das ist nicht die gute alte Zeit,
sondern nur die alte Zeit.
Und wir können gottfroh sein, dass wir die hinter uns haben.

Früher tot - heute lebendig.
Früher lieblos, hoffnungslos, glaubenslos - heute voller Glaube, Hoffnung und Liebe.
Früher war die Zeit der Sünde des Menschen, heute ist die Zeit der Gnade Gottes.

Uns mag das, wenn wir das heute lesen, ein wenig arg holzschnittartig vorkommen.
Früher schwarz - heute weiß.
Wir blicken auf die vergangenen Jahrhunderte und sehen, dass es darin keineswegs immer bergauf ging. Nicht mit dem Christentum und nicht mit der Kirche.
Wir wissen, dass der christliche Glaube niemanden zwangsläufig zu einem besseren Menschen macht.
Und wir müssen uns eingestehen, dass das Christentum die Welt keineswegs überall zu einem besseren Ort gemacht hat.
Ganz so schwarz/weiß, wie sich das die ersten Christen dachten, ist es wohl doch nicht.

Und trotzdem fasziniert mich das:
Diese Umkehr des Lebensgefühls.
Von "früher war alles besser" zu "das Beste kommt noch".
Das ist für uns heute eine sehr ungewohnte Sicht auf unsere Welt.
Wir müssten sie ersteinmal üben.

Aber dann - kann ich mir vorstellen - dann hilft sie uns,
ganz anders mit allen den Problemen umzugehen, die sich uns heute stellen.
Mit mehr Zuversicht. Mit mehr Hoffnung.
Mit mehr Gottvertrauen.
Das ist das erste, was ich aus diesem Text lese.

Aber unser Predigttext geht noch ein Stück weiter:
Ich lese noch einmal aus Epheser 2:
Aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk. Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann.

Wir haben dieses Gestern nicht selbst überwunden, heißt das.
Nicht aus eigener Kraft.
Wir haben uns nicht selbst an den Haaren aus dem Sumpf der Vergangenheit gezogen.
Das hätten wir niemals allein geschafft.
Sondern: Es war Gott, der uns da rausgeholt hat.
Er hat aus uns bessere Menschen gemacht.
Er hat uns gezeigt, was Liebe ist.
Also gibt es keinen Grund, auf uns selbst stolz zu sein.
Es gibt keinen Grund für uns, dass wir uns anderen überlegen fühlen.
Nichts, was wir sind und haben ist unsere eigene Leistung.
Nichts haben wir aus eigener Kraft geschafft - alles war Gottes Werk.

Auch das gehört zum Lebensgefühl der ersten Christen.
Dass wir alles Gott verdanken - und nichts uns selbst.
Und auch das ist so ganz anders als unser eigenes Lebensgefühl heute.
Früher hat man Demut dazu gesagt.
Heute würde man vielleicht eher Bescheidenheit dazu sagen.
Sich nicht selbst loben.
Sondern danken.

Das ist nicht unbedingt unsere größte Stärke.
Wir müssten das ersteinmal üben.
Aber dann - auch das kann ich mir vorstellen - dann hilft diese Bescheidenheit uns, ganz anders mit allen den Problemen umzugehen, die sich uns heute stellen.

Denn da steht ja noch dieser letzte Satz in unserem Predigttext:
Wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.

"Dass wir nun das Gute tun."
Gott hat uns vom Tod ins Leben geholt.
Gott hat uns von unserer Trägheit und unsere Bösartigkeit befreit.
Er liebt uns ohne jeden Grund.
Und nun sind wir dran, sagt der Epheserbrief:

Dass wir alles geschenkt bekommen haben, das heißt nicht,
dass wir nun nur noch Däumchen drehen und Gott einen guten Mann sein lassen können.
Nach dem Motto: Wir sind doch jetzt gerettet - was geht uns die Welt noch an?
Das will der Epheserbrief uns nun gerade nicht sagen.

Das, was uns Christen ausmachen sollte,
das sind Hoffnung, Gottvertrauen und Bescheidenheit.
Und ich glaube, das sind tatsächlich die Tugenden, die uns heute helfen würden.
Aber wir sollen nicht nur hoffen, Gott vertrauen und bescheiden sein, wir sollen das alles auch nutzen und etwas tun. Etwas tun für die Welt und etwas tun für unseren Nächsten.

Nein, es ist nicht leicht, heute Hoffnung zu haben.
Und es ist auch nicht leicht, die Welt nicht auf einer schiefen Bahn zu sehen.
Man muss nur an den menschengemachten Klimawandel denken.
An die Brände und an die Fluten, die wir deswegen derzeit bei uns und überall auf der Erde erleben.
Man muss nur an die Menschen in Afghanistan denken, ganz besonders an die Frauen, die ihr kleines bisschen Freiheit nun schon wieder an die Taliban in all ihrer selbstherrlichen Grausamkeit verlieren.
Man muss nur daran denken, wer alles versucht, unsere Demokratie zu untergraben, unseren Rechtsstaat, mit abenteuerlichen Thesen und platten Lügen.
Nein, Hoffnung ist nicht das erste, was einem dazu einfällt.

Und trotzdem - und gerade deswegen -
will ich festhalten an dem, was die ersten Christen geglaubt haben.
Dass Gott mit ihnen durch die Zeit geht.
Dass Gott sie errettet hat und dass mit Jesus Christus etwas ganz Neues anfängt.
Dass Gott die Erde vom Kopf auf die Füße stellen wird.
Und dass er damit schon angefangen hat.
Es lohnt sich, daran zu glauben und darauf zu hoffen.

Niemandem ist geholfen, wenn wir Angst haben vor der Zukunft.
Kein einziges Problem wird gelöst, wenn wir in das allgemeine Lamento über den Zustand der Welt einstimmen.

Was es braucht, sind Hoffnung, Gottvertrauen und Bescheidenheit.
Und wer, wenn nicht wir Christen, können wissen, was das ist.
Wer wenn nicht wir soll dieses Lebensgefühl versprühen.
Im Vertrauen auf Gott, der seine Welt, der uns niemals alleine lässt.
Hoffnung, Gottvertrauen und Bescheidenheit vorleben in allem, was wir tun - das ist schon viel.
Sichtbar machen, dass wir Gottes Werk sind
und dass er uns geschaffen hat, das Gute zu tun.

Wir können das und wir dürfen das, weil
Gott uns mit seiner ganzen Liebe geliebt hat.
und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht hat.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
Amen.