Gemeingelage

Gemeingelage

Predigt zu Mt. 13,24-30 am Altjahrsabend 2021

Zur Vorbereitung auf heute habe ich mir meine alte Predigt durchgelesen.
Die von vor einem Jahr. Von Silvester 2020.
Da war viel von Hoffnung die Rede.
Das alte Jahr hinter sich lassen.
Mit all dem, was uns damals so beschäftigt und belastet hat.
Vor allem natürlich Corona.

Damals hatten gerade die ersten Menschen bei uns eine Impfung bekommen.
Und wir haben uns alle berechtigte Hoffnungen gemacht,
dass diese Impfungen uns allen wieder ein normales Leben ermöglichen.

Aber dieses letzte Jahr war ein bisschen wie in dem Film, in dem täglich von Neuem das Murmeltier grüßt und nichts vorwärts geht.
Und jetzt stehen wir da, am Ende dieses Jahres,
und immer noch dreht sich alles um Zahlen und Wellen und griechische Buchstaben.

Ja, wir haben inzwischen einen Impfstoff. Sogar mehrere.
Aber nein, dieser Impfstoff hat uns bisher nicht vom Virus befreit.
Zu wenige sind geimpft.
Nicht nur bei uns - sondern vor allem weltweit. Viel zu wenige.
So kehrt das Virus immer wieder zurück.
Es verändert sich und wird immer noch ansteckender.

Und wir?
Viele von uns sind müde und erschöpft.
Noch erschöpfter vielleicht als am Ende des letzten Jahres.

Viele sind wütend, weil sich nichts bewegt.
Bei manchen schlägt diese Wut in abenteuerlichen Verschwörungsglauben um.
Bei manchen sogar in Gewalt.
Das ist furchtbar und wird unsere Gesellschaft sicher noch lange beschäftigen.

Aber auch bei uns anderen wird der Ton rauer und gereizter.
In der Gesellschaft, in machen Familien, zwischen Freunden.

So bleiben wir skeptisch, auch an diesem letzten Abend 2021:
Wird es nächstes Jahr besser?
Können wir endlich die Masken an den Nagel hängen?
Oder wird die Stimmung nächstes Silvester noch genauso niedergedrückt sein wie dieses Silvester?

Die Hoffnungen, die wir uns vor einem Jahr gemacht haben, sind nicht wahr geworden.
Wir sind enttäuscht.

Vielleicht noch schlimmer:
Wir trauen der eigenen Hoffnung nicht mehr.
Dabei ist das doch gerade das Kennzeichen unseres Glaubens: Die Hoffnung.

Erst vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert.
Die Geburt Gottes bei den Menschen.
Was feiern wir da anderes als die große Hoffnung?

Die Hoffnung, dass die Welt nicht so bleiben muss wie sie ist.
Denn was ist Weihnachten anderes als das Fest der Hoffnung darauf, dass eine andere Welt möglich ist?
Dass alles Elend, alle Not, alle Armut und alle Einsamkeit zu einem Ende kommen werden.
Weihnachten feiern, heißt doch: sich die Hoffnung nicht nehmen lassen.
Nicht von der Dunkelheit, nicht von der Not der Menschen, auch nicht von einem Virus.
Denn warum sollte Gott auf die Erde kommen, wenn nicht dafür?

Nein, wer Weihnachten feiert, kann nicht an Silvester die Hoffnung verlieren.
Auch wenn die Rückschau auf das vergangene Jahr vielleicht frustrierend ausfällt.
Auch wenn die Aussicht auf die neue Corona-Welle in den kommenden Wochen manchen von uns viel Sorgen macht.
Die Kerzen von Weihnachten brennen noch.
Und sie erinnern uns daran, dass Gott nicht umsonst in diese Welt gekommen ist.

Der, der damals geboren wurde, hat als erwachsener Mann seinen Jüngern ein Gleichnis erzählt.
Es steht bei Matthäus im 13. Kapitel:

Jesus sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.
Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind
und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.
Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten,
da fand sich auch das Unkraut.
Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?
Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.
Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?
Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.
Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte;
und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Es geht um das Himmelreich.
Vielleicht könnte man sagen: Das Himmelreich ist, wenn es überall auf der Welt Weihnachten geworden ist.
Das Himmelreich ist, wenn Gott sich durchsetzt.
Wenn seine Liebe die Menschen erfasst.
Alle seine Menschen.

In dem Gleichnis hören wir, dass in diesem Himmelreich
(oder besser: auf dem Weg dorthin)
nicht alles reibungslos verläuft.
Im Gegenteil:
Da ist nicht nur von der guten Saat, vom guten Weizen die Rede.
Sondern dazwischen gibt es auch das Unkraut.
Und auch diese Saat geht auf.

Die Bibel ist da sehr nah an unserer Wirklichkeit.
Es gab und gibt neben dem Guten, neben der Liebe, neben dem, was wir uns erhoffen -
daneben gibt es immer auch das andere:
Das Böse, das Dunkle und Finstere.
Neben dem, worüber wir uns freuen, was uns mit anderen Menschen verbindet,
daneben gibt es immer auch das,
was uns nachts den Schlaf raubt,
was tagsüber an unserer Hoffnung verzweifeln lässt,
was uns von anderen Menschen trennt.

Woher das Böse kommt - das wird nicht genauer erzählt.
Ein Feind hat es gesät.
Darunter mag sich nun jeder vorstellen, was er will.

Aber das Böse kommt schleichend in unsere Welt.
Über Nacht.
Wenn wir schlafen und es nicht merken.
Es ist wie eine Art Gift, das langsam wirkt.
Es ist das Gift, das unsere Hoffnungen zerstört.
Es ist das Gift, das schleichend unsere Gesellschaften zersetzt.
Es ist das Gift, das unser Vertrauen zueinander zerstört,
das uns zu misstrauischen und missgünstigen Menschen werden lässt,
Das Gift, das uns zuerst an uns und erst dann vielleicht an andere denken lässt.

Das wächst nun nebeneinander:
Der gute Weizen und das giftige Unkraut.
Auf dem Weg zum Himmelreich erleben wir immer beides, so erzählt es Jesus.

Und wahrscheinlich haben die meisten von uns das vergangene Jahr genau so erlebt: Es war nicht alles nur schlecht.
Nicht alles Unkraut, sondern auch guter Weizen:
Ein seltsam leichter und beschwingter Sommer, in dem vieles Schöne nachgeholt und schon einmal vorweggenommen wurde.
Menschen haben sich verliebt, Kinder wurden geboren.
Freunde haben sich gefunden, an so vielen Stellen gab es unglaublich viel Hilfsbereitschaft.
So groß die Flutkatastrophe im Ahrtal war -
noch größer und überraschender waren Hilfe und Solidarität.
Wildfremde Menschen haben gespendet, geholfen, mit angepackt.
Und das ist nur ein Beispiel für die gute Saat, die im vergangenen Jahr aufgegangen ist.

Vieles war möglich - trotz Corona.
Und ja, auch wenn uns Corona hart getroffen hat,
auch wenn viele das ganz anders sehen mögen:
Unsere Gesellschaft hat im Großen und Ganzen gut funktioniert.

So ist unser Leben nie eindeutig.
Es ist nie nur schlecht und nie nur gut.
Es ist immer eine Mischung aus beidem.
Und damit müssen wir leben, bis sich Gott endgültig durchsetzt.

Wie gerne würden wir Klarheit schaffen.
Wie gerne würden wir das Übel ausjäten, das Böse ausrotten.
Der Gärtner in uns kann kaum zuschauen,
wie das Unkraut dem Weizen die Nährstoffe wegnimmt.

Aber Vorsicht! sagt das Gleichnis.
Wir können und sollen uns um das Gute bemühen.
Vor allem um das Gute in uns selbst sollen wir uns bemühen.
Das Böse ausrotten - das übersteigt aber unsere Kräfte.
Damit überheben wir uns.
Denn ein letztes Urteil darüber, was gut und was böse ist,
das steht uns nicht zu.
Wer seine Idee vom Guten den anderen aufdrängen will,
wird schnell selbst zum Übel.

Ein für allemal ausreißen lässt sich das Böse nicht.
Jedenfalls nicht von uns und erst recht nicht mit Gewalt.
Tyrannei im Namen der guten Idee.
Herrschaft im Namen der Tugend.
Terror im Namen der Religion:
Davor warnt Jesus in seinem Gleichnis ausdrücklich.

Er selbst hat den Weg der Liebe, nicht der Gewalt gewählt.
Den Weg der Schwachheit, nicht der Herrschaft.

Wir werden also mit der Gemengelage aus Gutem und Schlechtem, Fröhlichem und Traurigem noch eine Weile leben müssen.
Wie 2021 so auch 2022.

Das Einzige, was uns Jesus in seinem Gleichnis verspricht:
Das Gute wird sich am Ende durchsetzen.
Die Zukunft gehört dem Weizen, nicht dem Unkraut.
Letztlich wird der Feind keinen Erfolg haben.
Das schleichende Gift ist am Ende nicht stark genug.
Die Hoffnung, die von Weihnachten ausgeht, ist nicht umsonst.

So sollen wir leben, sagt Jesus.
Von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr.
Im Vertrauen darauf, dass Gott sich durchsetzt,
dass seine Liebe stärker ist als der Hass auf dieser Welt.
Dass unsere Hoffnung stärker ist als alles, was in der Zukunft kommen kann.
So sollen wir leben.
Und mit Mut, Hoffnung und Gelassenheit von Jahr zu Jahr gehen.
Amen.