Karfreitag 2022

Karfreitag 2022

Meine Predigt zu Lk 23,32-49

Es wurden auch andere hingeführt, zwei Übeltäter,
dass sie mit Jesus hingerichtet würden.
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm,
einen zur Rechten und einen zur Linken.
Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!
Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
Und das Volk stand da und sah zu.
Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:
Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach:
Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.
Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!
Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!
Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Wir können kaum ahnen, was schlimmer war.
Die Schmerzen, die unerträglichen Schmerzen da oben am Kreuz.
Oder die Menschen, die da unten standen.
Die Gaffer und die Sensationslüsternen.

Wir können kaum ahnen, was schlimmer war:
Die Qualen am ganzen Körper, die Hitze, der Durst, die Nähe des Todes.
Oder dieser unerträgliche Spott.

Wildfremde Menschen, denen er nie begegnet war,
denen er nie etwas getan hatte -
sie freuten sich, ihn leiden zu sehen.
Zeigten mit den Fingern auf ihn.
Und lachten sich über ihn kaputt.

"Hilf dir doch selbst, wenn du wirklich der Christus bist."
"Komm, steig doch runter von deinem Kreuz und zeig uns, was du kannst, du Sohn Gottes".
Erst die Oberen, die seine Kreuzigung befohlen hatten.
Dann die einfachen Soldaten, die ihn hier oben angenagelt hatten.
Und schließlich auch noch der, der neben ihm hing.
Selbst im Angesichts des Todes hatte der nichts besseres zu tun, als sich über ihn lustig zu machen.

Dabei hatte Jesus sein ganzes Leben nichts anderes getan, als Liebe gepredigt.
Liebe und Vergebung.
Er hatte Menschen geheilt, hatte ihnen einen neuen Weg ins Leben gezeigt.
Und er hatte immer wieder vom Vater erzählt.
Vom barmherzigen Vater.

Glaubt nicht denen, die Gott missbrauchen, hatte er gesagt.
Glaubt nicht denen, die Gott benutzen, um euch Angst einzujagen.

Glaubt nicht denen, von Gott profitieren wollen,
um mehr Macht und mehr Geld zu haben oder ihre politischen Ideen durchzusetzen.

Gott ist die Liebe. Nichts anderes. Ich zeig ihn euch, wie er ist.
Er liebt euch.
Und er will, dass wir uns untereinander lieben.

Lebt nicht so weiter wie bisher, mit Hass und Gewalt und Raffgier und eurem endlosen Gefühl, besser zu sein als die anderen.
Lebt nicht so weiter, sondern hört auf Gott.
Nein: Hört genau hin. Hört wirklich auf ihn.
Ich zeige ihn euch, wie er ist.

So hatte er gepredigt.
Bis zum letzten Atemzug.
Selbst jetzt noch, im Augenblick seines Sterbens.
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun".

Aber genau diese Botschaft hatte die Menschen wütend gemacht.
Da standen sie, die Wutbürger von Jerusalem - und wollten keine Liebe.
Keinen liebenden Gott.
Und erst recht keine Welt, in der die Liebe stärker ist als die Gewalt.
Sie wollten genauso weiterleben wie bisher.
Sich nicht ändern müssen. ...
Deshalb hängt er jetzt da.
Weil sich die Menschen ihre Macht und ihre Gewalt nicht nehmen lassen wollen.
Weil die Liebe die Schwachen mächtig und die Mächtigen schwach machen würde.
Weil sich die Menschen ihre Ordnung nicht nehmen lassen wollten.
Diese Ordnung, nach der Gott jedem seinen Platz zugewiesen hat,
den einen oben und den anderen unten.
Den einen reich, den anderen arm.
Den einen fromm, den anderen ungläubig.
Alles fein säuberlich geordnet und für immer festgelegt.

Und dieser durchgeknallte Jesus aus Nazareth will das durcheinanderbringen.
Das kann man dem doch nicht durchgehen lassen.
Da muss man doch etwas tun.
Und das taten sie.
Und so hängt Jesus jetzt am Kreuz.

Wenn wir ihn anschauen, dann sehen wir, wie unsere Welt funktioniert.
Damals vor 2000 Jahren. Und bis heute.

Wie viele Menschen leiden unter Lieblosigkeit.
Wie viele Menschen leiden unter rücksichtsloser Macht. Unter Gewalt.

Wie viele Menschen, leiden unter einer Ordnung,
die die oberen oben und die unteren unten hält.
Auch bei uns.
Wie viele Menschen leiden darunter, dass die einen den anderen ihre Ordnung aufdrücken wollen.
Notfalls mit Gewalt.
Manchmal sogar mit Verweis auf den, der da am Kreuz hängt.
Gewalt im Namen des Christentums - was für eine Gotteslästerung!
Ihre Großmachtträume.
Ihre Moralvorstellungen.
Ihre Weltanschauungen.
Immer sind sie die Guten, die Überlegenen und die anderen müssen bekehrt werden.
Notfalls eben mit Gewalt.
Wir sehen auf das Kreuz und bekommen gnadenlos vor Augen geführt, wie wir Menschen sind.
Das tut weh.

Aber wir sehen nicht nur, wie die Welt ist.
An diesem Kreuz dürfen wir auch sehen, wie Gott ist.
Liebevoll, bis zum Schluss.
Noch im Tod sorgt sich Jesus um die anderen.
"Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein".
Das sagt Jesus nicht zu einem, der immer alles richtig gemacht hat. Er sagt das zu einem Verbrecher. Zu einem, der neben ihm am Kreuz hängt. Der vielleicht kein einziges Mal in seinem Leben gebetet hat, wer weiß.
Aber jetzt - mit seinen letzten Atemzügen - betet er.
"Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!"
Und Jesus belehrt ihn nicht. Er bestraft ihn nicht.
Er sagt nicht: "zu spät, du hättest dich ja schon mal vorher ändern können".
Sondern er tröstet ihn, gibt ihm Hoffnung über den Tod hinaus.
Und macht ihm so das Sterben leichter.
So ist Gott. So barmherzig und voller Liebe.

Wenn wir auf dieses Kreuz schauen, dann sehen wir beides:
So ist die Welt. Und so ist Gott.
Und das Wunderbare und Unglaubliche ist:
Das Kreuz ist die Chance, dass diese Welt anders wird.
Es steht da, das Kreuz, seit 2000 Jahren.
Und es ist immer noch das Angebot an uns:
Versöhnt Euch mit Gott.

Vielleicht ist es das, was uns Jesus vom Kreuz sagt:
Versöhnt euch.
Versöhnt euch untereinander.
Versöhnt euch mit dem Gedanken, dass ihr nicht auf Macht und auf Geld und auf Ansehen angewiesen seid.
Ihr seid allein auf die Liebe angewiesen.
Nichts ist mehr wert als sie.
Keine Idee dieser Welt ist stärker als die Liebe, die ihr untereinander habt.
Versöhnt euch damit und lebt so.
Jeden Tag.
Mit Vertrauen in Gott und Vertrauen in die um euch herum.
Dann wird die Welt eine andere.
Einen besseren Weg gibt es nicht.
Ich kann euch nur zeigen, wie das geht.
Ich kann euch nur das Gottvertrauen vorleben, das ihr dafür braucht.
Vielleicht ist es das, was Jesus am Kreuz zu uns sagt.

"Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!".
Das sind seine letzten Worte.
Er hat alles getan, was er tun konnte.
Er hat von der Liebe Gottes erzählt.
Nicht nur mit Worten, sondern mit seinem ganzen Leben.
Bis zum Schluss.

Jetzt kann er nichts mehr tun.
Er ist umringt von Menschen, die ihn grundlos hassen.
Man hat ihm alles genommen,
Seine Freiheit.
Seine Jünger, die nur von Ferne zuschauen und sich nicht hertrauen.
Seine Kleider, mehr hatte er sowieso nie besessen.
Und nun nimmt man ihm sein Leben.

Aber sein Gottvertrauen kann ihm niemand nehmen.
Er kämpft nicht mehr. Er ergibt sich.
Aber er gibt sich nicht auf.
Er begibt sich in die Hand des Vaters.

Erst viel später wird er damit zum Vorbild für viele, viele Menschen.
Er wird zum Vorbild und zur Hoffnung von Menschen, die alles verloren haben.
Die nicht mehr kämpfen können.
Die sich aber nicht aufgeben.
Sondern die sich festhalten an diesem Kreuz.

Jesus ist zum Vorbild geworden für die,
die sich von diesem Bild trösten lassen:
Menschen in der Einsamkeit ihrer Sterbezimmer.
Oder Menschen in der Hölle von Mariupol.
Sie halten sich fest an diesem Kreuz.

Wenn ganz am Ende nichts mehr zu tun bleibt,
dann bleibt doch die Hoffnung auf Gott.
In dessen Hände kann ich mich fallen lassen.
Er wird mich auffangen.
Gebe Gott, dass ich diesen Glauben am Ende meines Lebens haben werde.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
Amen.