Sieben Wochen ohne Passion?

Sieben Wochen ohne Passion?

Predigt zu Markus 8,31-38

Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Es ist der Sonntag vor der Passionszeit.
Also der Zeit, in der unsere Kirchen und unsere Predigten und unsere Gebete voll sind mit dunklen Gedanken.
Gedanken an das Leiden und an den Tod Jesu, damals vor 2000 Jahren.

Und irgendwie frage ich mich jedes Jahr wieder:
Wäre es nicht viel einfacher, wenn wir diese Zeit einfach überspringen könnten?
Sieben Wochen ohne - aber ohne Passionszeit, ohne Karfreitag, ohne Kreuz, ohne Tod.
Stattdessen gleich Ostersonntag.

Es gibt doch schon genug Schreckliches auf der Welt.
Der Krieg in der Ukraine, die Raketeneinschläge in Kiew und in Odessa und überall im ganzen Land.
Menschen, die in Europa ihren Alltag gelebt haben genauso wie wir auch - und die jetzt vor Panzern und Raketen flüchten müssen.

Und dann ja noch so viel mehr Leid, auch alles persönliche Leid, von dem wir oft gar nicht viel erfahren.
Das Leid, das Menschen mit sich herumtragen und eher herunterschlucken als darüber reden.

Können wir nicht wenigstens diese eine Stunde am Sonntag mal von etwas Fröhlichem sprechen?
Von etwas, das Mut macht und aufbaut?
Von etwas, das uns fröhlich macht und uns diese ganzen schrecklichen Dinge da draußen vergessen lässt?

Vielleicht würde das ja auch unsere Kirche für viele Menschen deutlich attraktiver machen.
Denn: Wir Christen reden so gerne und so viel über das Leiden - dieses Bild haftet uns an.
Wohlfühl-Religionen und Wellness-Kulte haben da eine deutlich höhere Anziehungskraft als wir.

Und es stimmt ja auch:
Wir hängen in unseren Kirche Kreuze auf -
Bilder von einem der grausamsten Folterwerkzeuge, das sich Menschen ausdenken können.

Wir selbst haben uns schon so daran gewöhnt, dass wir es kaum mehr bemerken.
Aber stellen Sie sich vor, jemand betritt die Christuskirche, der vorher noch nie in einer Kirche war.
Was denkt die wohl von uns?
Welchen Eindruck hat dieser Mensch von unserem Glauben?
Kann man ihr verübeln, wenn sie das Kreuz abstoßend findet?
Wir Christen - ins Leiden verliebt?
Besessen von Schmerz und von Tod?

Und dann heute morgen dieser Text aus dem Markusevangelium, den wir vorhin gehört haben.
Jesus kündigt seinen Tod an, seinen grausamen Tod am Kreuz.
Und den, der ihn davon abbringen will, den herrscht er ungehalten an: "Geh hinter mich, du Satan".

Dabei hatte es Petrus doch nun wirklich nur gut gemeint.
Er wollte ihn ja eigentlich nur aufhalten, ins Verderben zu rennen.
Er hatte nur versucht, Jesus von seinem Weg nach Jerusalem abzubringen.
Von seinem Weg ans Kreuz.

Lass dich nicht ermorden, Jesus!
Wir setzen doch so große Hoffnungen auf Dich, sagt Petrus.
Wir hoffen doch so sehr, dass Du die Welt besser machst.
Dass Du den Unterdrückten hilfst.
Und den Armen und den Kranken und den Trauernden.
Für sie alle, für uns alle, bist du eine so große Hoffnung.
Stattdessen willst Du Dich umbringen lassen, Jesus.
Das wäre doch so sinnlos!
Damit ist doch nichts gewonnen, sagt Petrus.

Ich kann Petrus gut verstehen.
Aber Jesus hat kein Verständnis für ihn.
Im Gegenteil: Er reagiert wütend.
Das, sagt er: Das sind typisch menschliche Gedanken.
Geradezu teuflische Gedanken sind das.
Und ganz sicher denkt Gott anders.
Aber warum ist das so?
Was ist besser geworden auf dieser Welt -
dadurch, dass Jesus sich hat kreuzigen lassen?
Was ist so göttlich am Leidenmüssen?
Und warum verbringen wir die nächsten sieben Wochen damit, uns an dieses Leiden zu erinnern?

Ich glaube, wir tun das nicht deshalb, weil wir Schmerzen besonders schön finden.
Oder gar ins Leiden verliebt wären.
Ich glaube, wir begehen die Passionszeit, weil es Leiden auf dieser Welt nun mal gibt.
Weil eine Welt ohne Leid und Not und Hunger nur in unseren Träumen lebt.
Aber nicht in Wirklichkeit.
Und manchmal wachen wir aus diesen Träumen auf.
So wie am Donnerstag, dem Tag, an dem Putin die Ukraine überfallen hat.
Wir wachen auf und hören von Menschen, die schnell ihre Koffer packen mussten, um vor den Raketen Putins zu fliehen.
Wir wachen auf auch mit der Angst, dass sich dieser Krieg ausweiten könnte.
Das ist alles so schrecklich, dass wir direkt mit der Nase darauf gestoßen werden.
Aber es gibt so viel mehr Leid, so viel mehr Elend auf der Welt.
Und es ist so einfach wegzuschauen.

Deswegen glaube ich: Nichts wäre falscher, als wenn wir die Passionszeit überspringen würden.
Wenn wir das Leid auf unserer Welt ausblenden würden.
Wegschauen.
Mit den Schultern zucken.

Denn wenn wir an das Kreuz und den Tod Jesu denken,
dann lernen wir, genauer hinzuschauen.
Wir lernen hinschauen, wo es weh tut.
Wir lernen, dass Leid zum Leben dazu gehört.
Aber nicht, weil wir das Leiden lieben.
Sondern weil wir die Kraft spüren und den Auftrag haben hinzuschauen.

Ja, wir Christen haben die Kraft geschenkt bekommen hinzuschauen.
Von dem, der in unseren Kirchen hängt.
Ich glaube fest: Er will, dass wir uns nicht abwenden.
Er will, dass wir hinschauen und helfen und Not lindern, wo immer wir können.

Das Kreuz in unseren Kirchen und in unseren Texten,
es erinnert uns daran,
dass selbst Gott dem Leid auf dieser Welt nicht aus dem Weg geht.
Ich glaube, ohne die Passionszeit würde uns etwas sehr wichtiges fehlen.
Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
Und er redete das Wort frei und offen.

Die Jünger sollen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie mit Jesus unterwegs sind.
Und wir sollen das auch wissen:
Jesus geht nicht den einfachen Weg.

Er geht nicht die Abkürzungen,
sondern den steinigen und anstrengenden Weg.
Und er geht ihn mit und für uns.

Leiden hat es immer mit Scham zu tun.
Wer leidet, schämt sich.
Fühlt sich den anderen unterlegen.
Denen, die ihr Leben so toll auf die Reihe bringen.
Ohne Leiden, ohne Krankheit, ohne Familienstreit, ohne diese Müdigkeit, ohne alles, was uns nachts nicht schlafen lässt.
Vor denen schämen wir uns, wenn unser Leben nicht so gut verläuft.

Jesus räumt mit dieser Scham auf.
In diesem Leben hier gibt es das Leid und die Not,
es gibt es die Krankheit und es gibt den Tod.
Manches davon ist vermeidbar.
Dann sollen wir es vermeiden, mit aller Kraft.
Aber manches ist nicht vermeidbar.
Und dann hilft es nichts, die Augen davor zu verschließen.
Jesus spricht frei und offen über das, was auf ihn zukommt.
Und sicher war ihm nicht wohl dabei.
Vielleicht hat selbst er sich dabei geschämt, weil er die Hoffnungen seiner Anhänger enttäuscht hat.
Vielleicht hatte auch er Angst vor dem Kreuz.
Anders kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen.

Aber er redet offen.
Verschweigt nichts.
Beschönigt nichts.
Weil er weiß, dass Verschweigen und Beschönigen das Leid nur schlimmer macht.

Über das Leiden, über die Angst, über den Tod reden, das befreit.
Und wenn es Jesus ist, der darüber redet:
Dann macht es uns Hoffnung.

Ja, wir sollen und dürfen Hoffnungen haben auf Jesus Christus.
Aber nicht die Hoffnung, dass es mit ihm weniger Leid auf dieser Welt gibt. Das wäre die Hoffnung des Petrus.
Und sie trügt, wir sehen es jeden Tag um uns herum und oft genug auch in unserem eigenen Leben.
Jesus bewahrt uns nicht vor Krankheit und vor Tod.

Jesus will uns nicht aus dieser Welt herausführen, sondern durch sie hindurch.
Er erspart seinen Jüngern und allen, die ihm folgen, die schlimmen Erfahrungen im Leben nicht.
Er erspart uns nicht den Schmerz, nicht die unerfüllte Sehnsucht.
Er erspart uns nicht die Erschöpfung, nicht die Trennungen, die weh tun,
er erspart uns nicht die Krankheit und auch nicht den Tod.

Aber er verspricht, dass er uns begleitet.
Dass wir auf unserem Weg mit ihm nicht verloren gehen.

Jesus kann uns davor bewahren, an dieser Welt zu verzweifeln.
Er kann uns dabei helfen, dass wir die Hoffnung nicht verlieren.
Dass wir uns selbst nicht aufgeben und dass wir unsere Lieben nicht aufgeben.
Dazu kann uns Jesus helfen, wenn wir ihm folgen.
Trotz allem, was wir an Furchtbarem und Grausamem sehen und selbst erfahren.

Denn darum geht's doch in unserem Glauben:
Das Leid wird nicht das Letzte sein, was wir erleben werden.
In allem Leiden gibt es die Hand, die wir ergreifen dürfen.
Die Hand, die uns begleitet.
Und die uns schließlich zu sich ziehen wird.
Niemand bleibt ganz unten.
Gott hat versprochen, uns am Ende aufzufangen.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
Amen.