Von Hoffnungen, Hierarchien und Hirten

Von Hoffnungen, Hierarchien und Hirten

Predigt zu 1. Petrus 5,1-4

Spüren Sie noch etwas?
Ich meine Ostern -

Spüren Sie noch etwas von der Stimmung in der Osternacht?
Am Ostermorgen?
Von der unbändigen Freude, die wir da gefeiert haben.
Von der Freude darüber, dass unsere Welt nicht im Dunklen bleiben muss.
Dass etwas hereingebrochen ist in unsere Welt, und sie niemals mehr die gleiche sein wird.
Seit damals, als Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat?

Zwei Wochen ist das jetzt her, gerade erst zwei Wochen.
Aber ich fürchte - jedenfalls mir geht es so - der Alltag hat uns wieder.
Ostern war schön, aber es ist doch schon einiges passiert seitdem.
Die Osterfreude liegt ein wenig unsicher und blass da unter dem Berg an schlechten Nachrichten,
an Nachrichten aus Münster, aus Syrien, aus so vielen dunklen Orten dieser Welt.

Dabei kann das doch eigentlich gar nicht sein:
Wenn sich wirklich so viel verändert hat durch Ostern,
durch die Auferstehung, durch den Sieg über den Tod,
wenn sich wirklich so viel verändert hat,
dann kann es doch eigentlich nicht sein, dass wir weiterleben wie bisher, dann muss das doch Spuren hinterlassen.

Unser Predigttext stammt aus einer Zeit, in dem genau das die große Frage war.
In der zweiten Generation, also der Generation, die Jesus nicht mehr selbst kennengelernt hatten,
war Ernüchterung eingekehrt.
Sie hatten ihre Mütter und Väter noch von Jesus erzählen hören.
Hatten ihre Briefe und Berichte gelesen und gehört.

Begeisterung: Jetzt wird alles anders - das war die Stimmung gewesen.
Aber es wurde nichts anders.
Der Glaube an Jesus Christus, der von den Toten auferstanden war, breitete sich zwar langsam aus.
Die christlichen Gemeinden wurden mehr und größer,
aber es gab auch die ersten Christenverfolgungen.
Die Hochspannung, unter der die ersten Christen gestanden hatten:
Christus kehrt jetzt, morgen, übermorgen auf die Erde zurück
und dann zeigt sich, wer hier wirklich Herr auf der Welt ist -
diese Hochspannung war für viele nur noch ein entferntes Gefühl.

In dieser Zeit ist unser Predigttext geschrieben worden.
Er richtet sich an die Gemeinden und will sie ermuntern,
diese wunderbare Spannung zu halten,
diese Erwartung, dass sich die Welt wandeln wird.

Und diese Spannung in den Alltag mitzunehmen.
In den mühsamen Alltag.
Unser Predigttext richtet sich an alle Christen, die in den Gemeinden zusammenleben.
Die Verse, die ich gleich lese, richten sich nun aber besonders an die, die in den Gemeinden Verantwortung übernehmen wollten, an die, die man Älteste nannte.

Ich lese aus dem 1. Petrusbrief, aus dem 5. Kapitel:

Die Ältesten unter euch ermahne ich,
der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi,
der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist;
achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt;
nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte,
die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

An die Ältesten richtet sich also der kurze Ausschnitt, der für heute als Predigttext vorgegeben ist.
Vielleicht waren sie wirklich die Ältesten, die Erfahrensten in der Gemeinde.
Vielleicht waren sie auch einfach nur die, die gerne Verantwortung übernehmen wollten.
Oder die, die sich ungefragt das Wort nahmen in der Versammlung ihrer Gemeinde und allein die Richtung bestimmen wollten.
Eine Struktur von Leitungsämtern, Kirchenvorstände, Pfarrerinnen und Pfarrer gab es damals ja noch nicht.

Man merkt dem Text an, dass es in den Gemeinden geknirscht hat.
Da waren die, die auf diese Welt gar nicht mehr achten wollten.
Denen reichlich egal war, was um sie herum geschah.
Denn diese Welt sollte ja vergehen, jetzt, gleich, morgen, übermorgen, wenn der Herr wiederkommt.

Und es gab die anderen, die diese Erwartung so nicht teilen konnten.
Die als Christen in der Welt weiterleben wollten.
Auch wenn die Umwelt bedrohlich wurde, Stichwort Christenverfolgung.
Wenigstens untereinander, wenigstens in der Gemeinde aber, wollten sie so leben, wie Jesus es vorgelebt hatte.

Und genau deswegen gab es Krach.
Zwischen den glühend Erwartungsfrohen, die schon die neue Welt kommen sahen.
Und den bedächtigen Traditionsbewahrern, die sich mit der Welt, wie sie nun einmal war, arrangieren wollten. Die in dieser alten Welt wenigstens ihren Glauben leben wollten.

Und es gab Krach zwischen denen, die es auf die damals noch gar nicht vorhandenen Kanzeln drängte, die predigen, den Kurs bestimmen wollten.
Und den anderen, die skeptisch waren, ob Menschen den Kurs bestimmen sollten.
Oder ob man das nicht eigentlich Gott selbst überlassen müsste.

Merken Sie etwas?
2000 Jahr, ungefähr, ist das her.
Viel geändert hat sich in diesem Punkt nicht in unseren Gemeinden.
Wir haben zwar inzwischen ein ungemein ausgefeiltes Ämtersystem.
Und haben Kirchengesetze, so umfangreich, dass ihre gedruckte Version es gewichtsmäßig mit einem großen Ziegelstein aufnehmen kann.
Trotzdem aber bleibt diese Spannung:
Wir als Gemeinden: Wie angepasst sind wir an diese Gesellschaft, in der wir nun einmal leben?
Wie sehr versuchen wir, in dieser Gesellschaft anständig zu leben, vielleicht, sie von innen heraus zu verändern?

Und andererseits: Wie widerständig müssten wir eigentlich sein, wie eben ganz anders als diese Gesellschaft, weil wir doch eigentlich immer noch hoffen, dass Gott diese Welt überwindet.

Der erste Petrusbrief schlägt sich eher auf die Seite der Traditionsbewahrer.
Wir leben nun mal in dieser Welt, auch wenn unsere Hoffnung größer ist als sie.
Und in dieser Welt müssen wir unser Leben gestalten.
Also lasst es uns möglichst gut, gerecht, fair, hilfreich gestalten.
Wenn schon nicht die ganze Welt, dann wenigstens in unseren kleinen Gemeinden.
Also wendet er sich an die Wortführer der Gemeinden:

Die Ältesten unter euch ermahne ich, (…) Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist;

Wer andere ermahnt, findet, dass es nicht optimal läuft.
Und offensichtlich meint der Verfasser, dass es gerade die Wortführer in den Gemeinden sind, die seine Ermahnung brauchen.

Wie soll man eine Gemeinde leiten?
Antwort des ersten Petrusbriefs: Wie ein Hirte.
Und das heißt für ihn:
nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.


Die Pfarrer, vielleicht auch die Kirchenvorstände, als Hirten?
Die Gemeinde als Schafe?

Das ist ein Bild, mit dem man seine Schwierigkeiten haben kann.
Denn: Wollen wir uns wirklich den Vergleich mit solchen Schafen gefallen lassen?

Es gibt nicht wenige, die dieses Bild genüsslich gegen die Christen richten.
Sie nennen die Christen Schäflein und haben dabei eine ziemlich große Portion Spott in der Stimme.

Schäflein, die immer noch in die Gottesdienste gehen,
die rückständig und naiv genug sind, ihren Hirten hinterherzulaufen,
und den Pastoren, den Bischöfen, den Kirchenführern blindlings Glauben schenken.

Prüfen Sie selbst, ob sie sich in diesem Bild wiederfinden.

Ich glaube, falscher kann man kaum liegen.
Die Kirchenkritiker malen sich ein Zerrbild von den Christen -
und das müssen wir wohl immer wieder laut und deutlich klarstellen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass unser christlicher Glaube uns gerade nicht zu autoritätsgläubigen und unmündigen Menschen macht.
Eher im Gegenteil.
Und genau dieses Gegenteil will uns der erste Petrusbrief einschärfen, indem er ein Bild des Hirten zeichnet, dem es gerade nicht darauf ankommt, dass die Herde ihm blindlings folgt.

Der Hirte - das wäre das erste - der Hirte ist kein Herrscher.
Er geht den Menschen nicht voraus und zeigt ihnen so, wo’s lang geht.
Der Hirte geht den Menschen nach.
Er sorgt sich um sie.
Er sammelt sie ein, wenn sie verloren gehen.
Er stellt sich selbst ganz in den Dienst der Herde
und - wenn es sein muss und sie es brauchen - ist er ganz für einzelne Schafe da,
die seine besondere Zuwendung brauchen.

So soll ein Hirte sein, sagt der Predigttext.
Und damit soll er dem Urbild möglichst nahe kommen, dem Urbild des Hirten,
dem Erzhirten, wie der Predigttext ihn nennt:
Jesus Christus, der sich selbst den „Guten Hirten“ nennt, der für die Seinen sein Leben gibt.
Wir haben es vorhin in der Evangeliumslesung gehört.

Und DIESEM Hirten zu folgen, das ist gerade nicht autoritätsgläubig.
Christus als Vorbild für die Leitung einer Gemeinde zu nehmen, das verhindert, dass die Gemeinden zerfallen:
in die, die vorangehen und die die folgen.
In die, die das Sagen haben und die, die sich auf’s Zuhören beschränken.
In die, die bestimmen, was Glauben heute heißt, und die die nur mitlaufen.

Leitung auf Augenhöhe, sozusagen.
Die Menschen zusammenhüten, aber ihnen nichts vorschreiben.
So soll es in christlichen Gemeinden zugehen.
Und damit sollen die Gemeindeleitungen zu einem Bild werden.
Zu einem Bild des Hirten Jesus Christus.
Er, und nur er, ist der wahrhaft gute Hirte.

Und nein, eine solche Leitung ist keine Selbstverständlichkeit.
So geht es auf der Welt, wie wir sie kennen, nicht zu.
Oder, sagen wir, nur selten.

Deshalb verändert das Bild des Hirten nicht nur die Kirche und die Gemeinde, es kann auch die Welt verändern.

Es war beispielsweise genau dieses Bild vom Hirten, das die Bekennende Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus befähigt hat, den Anspruch eines „Führers“ abzulehnen.
Tatsächlich berief sich die Bekennende Kirche in ihrer berühmten Barmer Theologische Erklärung vor gut 80 Jahren gerade auf das Johannesevangelium.

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ heißt es in der Barmer Theologischen Erklärung.
Das hört sich für uns wenig brisant an, es war damals aber brisant, sehr brisant sogar.
Denn damit wurden alle die abgelehnt, die meinten, es gäbe neben Jesus Christus noch andere Mächte, denen wir folgen sollen. Den Nationalsozialismus zum Beispiel.

Die Bekennende Kirche hat dagegen sehr klar gesagt:
Wer Jesus Christus hat, der braucht keinen anderen Führer.
Keinen Hitler und keine anderen Gestalten, die den Anspruch erheben,
zu wissen, was gut ist für uns
und wohin es mit uns gehen soll.

So lehrt der christliche Glaube gerade nicht das blinde Folgen.
Er lehrt, die Geister zu unterscheiden.

Wer sich seines Hirten sicher ist, der ist nicht mehr anfällig für die vielen anderen,
die sich als Hirten anbieten.

All den Ideologien, die um uns werben,
all den Versuchungen der modernen Wirtschaft,
all den Politikern, die ihre Beliebtheit im Populismus suchen.
Allen denen, die nur spalten können,
die das Schlechteste im Menschen ansprechen, seinen Egoismus,
und damit den eigenen Vorteil, die eigene Beliebtheit, die eigene politische Macht gewinnen wollen -
dem allen kann ich entgegentreten, wenn ich weiß:
Ich gehöre zu Jesus Christus.

Denn das heißt,
dass niemand anderes mich ganz besitzen kann,
dass mein Kopf und mein Herz niemals einer Ideologie gehören,
auch nicht der Ideologie des Egoismus.
Kein Mensch und nichts Menschengemachtes kann an die Stelle treten,
die schon besetzt ist durch Jesus Christus.
Nicht innerhalb der Kirche und nicht außerhalb.

Das ist die christliche Freiheit:
Nichts und niemand darf von mir Gehorsam fordern.
Nichts und niemand darf mich klein machen.
Nichts und niemand darf mir Angst einjagen.
Denn Christus ist mein Hirte.

Spüren Sie noch etwas von Ostern?
Wenn Sie das, wenn Sie diese christliche Freiheit spüren können,
dann hat Ostern Ihr Leben verändert.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft
Bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.