Wirklich ein Mensch

Wirklich ein Mensch

Predigt zu Mt 3,13-17

Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach:
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.
Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Ich sag’s ehrlich: zuerst war ich enttäuscht.
Wir waren recht lange unterwegs gewesen.
Mit dem Bus.
Und heiß war es auch. Sehr heiß sogar.

Und dann standen wir an der Stelle, an der Jesus der Überlieferung nach getauft worden ist.

Der Jordan - grün und trüb.
So ganz anders, als ich ihn mir immer vorgestellt hatte.
Eher ein Bach als ein Fluss.
Oben, dort wo Israel und der Libanon zusammenstoßen,
da hat der Jordan mächtige Quellen.
Das Wasser rauscht nur so dahin.
Und man kann sich gut vorstellen,
wie viel Leben und wie viel Segen so ein Fluss spenden kann.

Hier aber ist nicht viel.
Ein kleines Kirchlein.
Ein paar Bänke.
Das trübe Wasser. Und viele Mücken.
So war das jedenfalls im Juni vor gut 10 Jahren, als wir die Stelle besucht haben, an der Jesus getauft worden sein soll

Kein guter Ort, um sich an diese Geschichte zu erinnern, denke ich.
Trotzdem setzen wir uns hin.
Wir sind in dieser Stunde die einzige Gruppe dort.
Also haben wir Zeit, dass einer die Geschichte von Jesu Taufe vorliest, die wir gerade gehört haben:
Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

Und dann denke ich:
Doch, genau hier kann das gewesen sein.
An diesem so besonders unscheinbaren und so besonders unspektakulären Ort.
Denn das war doch schon bei seiner Geburt so:
Einen unbedeutenden Stall in Bethlehem hat Gott sich dafür ausgewählt.
Und für die Taufe eben eine der vielen Windungen des Jordan am Rand der Wüste.

An dieser Taufstelle am Jordan kann man es spüren:
Spektakulär war an diesem Jesus gar nichts.

Die Geschichten, die wir von Jesus erzählen, trumpfen nicht durch äußeren Glamour auf.
Zu Beginn steht im Lukasevangelium ein kleiner, unbedeutender Stall in Bethlehem.
Und an seinem Ende steht ein Kreuz.
Jesus wird an’s Kreuz geschlagen, so wie man das mit einem x-beliebigen Verbrecher im Römischen Reich gemacht hat.

Eine Geschichte ganz ohne äußeren Glanz.
Und erstaunlicherweise sind es gerade diese Geschichten,
die den Himmel öffnen.

Das lesen wir an Weihnachten, wenn die Engel vom Himmel den Frieden auf Erden verkünden.
Und das lesen wir auch bei der Taufe Jesu, wenn der Geist Gottes in Gestalt einer Taube aus dem Himmel auf die Erde kommt.
Und wenn dann Gott selbst aus dem Himmel spricht:
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Übrigens wieder so ein Symbol:
Wir Menschen hätten uns niemals eine Taube einfallen lassen, wenn es darum geht, Gottes Sohn zu bestätigen.
Es hätte schon ein Adler oder ein anderer, mächtiger Vogel sein müssen.

Aber Gott denkt anders.
Gott zielt nicht darauf, dass wir wie erschlagen sind von seiner Macht.
Gott zielt nicht darauf, dass er uns mit Glanz und Pomp und Gloria beeindruckt.

Und dennoch wird für die, die es sehen und hören wollen, sehr deutlich und sehr klar:
Was hier passiert, das ist klein und unscheinbar und leicht zu übersehen oder leicht zu belächeln.
Aber es bedeutet unendlich viel.
Es kann Leben ändern.
Es kann uns selbst ändern und mit uns die ganze Welt.

Dort am Jordan stand also Johannes der Täufer.
Der zottelige Prophet.
Jemand, den die wenigsten aus Jerusalem ernst nahmen.
Jemand, der vielen von ihnen im Weg war und lästig.
Ein Prophet mit unbequemer Botschaft:
„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“.
Nichts, was man gerne hört.
Bis heute nicht.
Menschen, die uns auffordern, unseren Lebensstil zu ändern, mit alten Gewohnheiten zu brechen, sind uns unangenehm.
Wer uns von unseren eigenen Fehlern erzählt, hat es niemals leicht mit uns.
Besonders dann, wenn wir wissen, dass er eigentlich recht hat. Oder sie.

Und trotzdem: Johannes der Täufer hat Zulauf.
Zu ihm strömen die Menschen aus dem ganzen Land.
Denn es ist eine unruhige Zeit - und viele merken, dass es nicht so weiter gehen kann, wie bisher.

Und unter diesen Menschen ist auch Jesus.
Er ist inzwischen etwa 30 Jahre alt.

Viel wissen wir nicht von diesem 30jährigen.
Was hat er gemacht? Was hat er gedacht?
Über Gott, über sich selbst?
Weiß er, was ihm bevorsteht? Ahnt er es?

Und was hat ihn bewegt, zu Johannes an den Jordan zu kommen?
Sich seiner Bewegung anzuschließen?

Mit dem Alten brechen, neu werden, ein neues Leben führen, ganz aus der Hoffnung auf Gott.
Das war der Kern der Botschaft von Johannes.
Dafür hat er getauft.
Er hat die Menschen untergetaucht im Wasser des Flusses.
Einmal ganz untergetaucht.
Um alles das abzuwaschen, was an den Menschen klebt.
Alles Alte und Falsche und Schlechte wegzuspülen.
Alles Beschämende und Verdrängte sollte den Jordan hinunter gespült werden.
Von allen schlechten Gewohnheiten dem ewigen Sich-Selbst-rechtfertigen sollte nichts mehr übrig bleiben.

Und Jesus war davon, was Johannes da tat, offenbar fasziniert.
Als er selbst zu predigen anfing, so erzählt Matthäus, hat er genau die Worte von Johannes dem Täufer verwendet:
„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“.

Soweit sind wir aber noch nicht.
Noch steht Jesus in der Schlange derer, die sich von Johannes taufen lassen wollen.
Und der erkennt ihn.
Johannes erkennt, dass da nicht irgendeiner vor ihm steht.
Sondern der, von dem Gott sagt: Das ist mein geliebter Sohn.

Warum und woran er ihn erkennt, wird nicht erzählt.
Aber er erkennt ihn und erschrickt:
Eigentlich solltest Du, Jesus, mich taufen, sagt er.
Es fühlt sich extrem falsch an, wenn wir die Rollen tauschen.

Aber Jesus zerstreut seine Bedenken:
„Lass es jetzt zu“, antwortet er.
Also: Doch, das geht schon in Ordnung, es ist richtig, wenn Du mich taufst.
„Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“

Ja, ich will getauft werden, heißt das.
Ich will ganz auf der Seite der Menschen stehen.
Ich will mein Leben ganz aus der Hoffnung auf Gott leben.
Ich will daran glauben,dass ich immer wieder neu anfangen darf.
Ich will so leben, wie Gott mich gemeint hat.
Ich will mit Euch gemeinsam davon träumen, dass auf der Welt Gerechtigkeit herrscht.
Ich will mit Euch gemeinsam daran arbeiten.
Ich will alles dafür geben, dass Gottes Willen geschehe, selbst wenn das mein Leben kostet.
Mit einem Wort: Ich will für Euch den Himmel offenhalten und mit Euch den Geist meines Vaters teilen.

Das alles steckt in diesem einen Satz:
„Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“
Das alles steckt in dieser Taufe.
Es ist kein Zufall, dass wir die Geschichte von Jesu Taufe so kurz nach Weihnachten lesen.
Mir macht sie immer wieder deutlich, dass Jesus, dass Gottes Sohn nicht vom Himmel gefallen ist.
Dass er ein Mensch ist wie wir.

Er kommt nicht aus dem Nichts und fängt plötzlich an, von der Herrschaft Gottes zu sprechen.
Er ist ein Mensch, der sich ganz auf die Seite der Menschen stellt.
Bevor er seine Predigt beginnt und seinen Weg der Erlösung geht, lernt er erstmal.
Er lernt und und folgt jemandem, nämlich dem Propheten der Umkehr, Johannes dem Täufer.
Und er lernt, sich dem Willen Gottes zu unterstellen.
Er lernt, was Gerechtigkeit Gottes ist.
Ja, tatsächlich ein Mensch.

Nimmt ihm das etwas?
Macht ihn das weniger wert, wenn man sagt: Er ist ein Mensch?
Wo er doch Christus ist, der Messias?

Nein. Im Gegenteil.
Das ist doch gerade der Sinn unseres Glaubens, dass Gott sich selbst zu uns hinunter begeben hat.
Sich neben uns gestellt hat.
Gott ist wirklich Mensch geworden.
Nicht irgendein Mischwesen, das sich nur irgendwie als Mensch ausgegeben hat, das Wunder getan und fromm gepredigt hat.

Nein, Jesus war wirklich Mensch.
Und er wusste sehr genau, was er gesagt, was er von den Menschen gefordert hat.
Wie er sie getröstet und aufgerichtet hat.
Denn er selbst hat alles das erlebt, was wir Menschen erleben können.
Er hat alles durchlitten, was wir Menschen durchleiden können.
Und genau von diesem Menschen sagt Gott:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Ich stelle mir das nicht so vor, dass da eine Stimme vom Himmel gedonnert hat.
Ich stelle mir das eher leise vor.
Leise und liebevoll.
Es blieb und bleibt jedem selbst überlassen, das für eine Sinnestäuschung zu halten.
Denn so ist Gott.
Er ist in dem Unscheinbaren mächtig.
Nicht in dem Mächtigen.

Er überlässt es den Menschen, das Unscheinbare zu entdecken und sich zu Herzen zu nehmen.
Das ist Glaube.

Und so bleibt auch für uns der Glaube, dass Gott seinen Sohn unter die Menschen gesandt hat.
Dass er bei uns war und immer bei uns bleiben wird.
In diesem Glauben steckt so viel Trost und Hoffnung, dass ich ohne ihn nicht könnte.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
Amen.